Nov 19, 2017


KLAUS SCHULZE - Timewind (Brain Records BRAIN 1075, 1975)

Klaus Schulze war zunächst Schlagzeuger der Berliner Formation Psy Free mit Alex Conti. Bekannt wurde er jedoch als Schlagzeuger bei Tangerine Dream um Edgar Froese und wirkte an deren erstem Album "Electronic Meditation" mit. Inspiriert wurde Klaus Schulze unter anderem durch die Minimalisten Terry Riley und Steve Reich sowie den amerikanischen Komponisten Morton Subotnick und durch klassisch-romantische Musik (unter anderem Richard Wagner). Er gründete zusammen mit Manuel Göttsching und Hartmut Enke die Band Ash Ra Tempel, an deren gleichnamigem Debütalbum er beteiligt war. Dennoch verliess er die Band, da es kaum möglich war, mit dem damaligen elektronischen Equipment live aufzutreten. Er widmete sich von nun an der Komposition atmosphärischer Klangteppiche wie "Timewind", "Moondawn" oder "Mirage": Eine elektronische Winterlandschaft, mit denen er, zusammen mit Tangerine Dream, zu einem der einflussreichsten Wegbereiter der Berliner Schule wurde. Diese Machart zeichnet sich durchaus widersprüchlich einerseits durch für heutige Masstäbe (nach den Gewohnheiten der populären Musik) ungewöhnlich lange, von der kompositionstechnischen Seite aus eher simpel repetitiv hypnotisch angelegte, und andererseits durch schroffe, geräuschhafte, oder die Tonalität übersteigende Passagen aus. Besonders letztere gehen in ihrem künstlerischen Anspruch deutlich über populäre Musik hinaus in Richtung Kunstmusik und haben Schulze Anerkennung über die Grenzen der Szene hinaus eingebracht. Der lange anhaltende Markterfolg der Musik wäre somit überraschend, wenn nicht durch Technikbegeisterung, Soundeffekte oder durchgehenden Beat eine Kompensation für den Normalhörer erfolgen würde. Zu Anfang spielten die Musiker in Museen und bei Kunst-Events. 1971 entschied sich der Elektronikpionier, in Zukunft nicht mehr in Gruppen zu spielen und eigene Wege einzuschlagen.

Klaus Schulze war von den Diskussionen in den Gruppen, die oft länger andauerten als die Zeit, in der sie Musik machten, genervt, so der Musiker in einem Interview von 2004. Trotzdem arbeitete Schulze mit anderen Musikern zusammen, so etwa mit dem Cellisten Wolfgang Tiepold (Trancefer), oder einer Streichergruppe ('X'). Mit Harald Grosskopf am Schlagzeug schuf er mehrere Alben, darunter "Body Love Vol. 2". Im Jahre 1973 gab Schulze sein erstes Solokonzert. Für seine LP "Timewind" erhielt er 1975 den französischen 'Grand Prix International'. Eine ausgedehnte Tournee führte ihn im selben Jahr durch Deutschland und Italien. Das bei Brain Music veröffentlichte Album "Timewind" galt für viele als eines seiner absoluten Meisterwerke und überhaupt als ein Monument der innovativen elektronischen Musik insgesamt. Und als tatsächlich monumental erschien zunächst einmal die Unbeweglichkeit der beiden Longtracks,auf denen vordergründig nicht allzuviel passierte. Auf "Wahnfried 1883" wurde sogar auf rhythmische Unterstützung der ätherisch-sphärischen Klangwolken verzichtet,während es bei "Bayreuth Return" wenigstens noch feine Sequencermuster zu entdecken gab. Man hatte es hier mit Klanggebilden zu tun, die wabernd, wellengleich wandernd den Hörer einlullten und ungeordnet, improvisiert und recht konturlos wirkten; mehr Klanglandschaften als Musik im klassischen Sinne letztlich.

Dennoch blieb dem aufgeschlossenen Hörer eine gewisse Faszination nicht verborgen und mit der Zeit fielen die fein ziselierten Strukturen in diesen Klangskulpturen auf, die diese Musik von unbesorgt dahingespielten Soundexperimenten teils deutlich hörbar unterschied. In Diskussionen oder Abstimmungen darüber, welches Album von Klaus Schulze denn nun das grosse Meisterwerk wäre, landete "Timewind" praktisch immer in den obersten Rängen; für ein Album, das auf Spannungsaufbau, Eingängigkeit, Wiederholungen, vordergründige, sofort erfassbare klare Melodik, teilweise gänzlich auf Rhythmik verzichtete,sicherlich beachtlich. Klaus Schulze galt und gilt zurecht als ein Vorreiter und Visionär dieser Musikrichtung. Mit "Timewind" hatte er dafür einen massiven Grundstein gelegt. Die Musik lief recht gleichmässig, sich nur in Nuancen verändernd, dahin, es gab kein echtes Ende und keinen echten Anfang, die Musik war einfach da und schuf Stimmungslandschaften, die jeder mit der ihm eigenen Phantasie ausfüllen konnte, so, wie es von dem Künstler ja auch erwünscht war, wie er selbst einmal sagte.

Wer nun glaubt, das sei ja nun nicht schwer, einfach ein paar wunderschöne elektronische Sounds zu erzeugen, herumzuexperimentieren, ein paar Spuren zu überlagern, und dem Ganzen schliesslich eine elegante Form zu geben, der sollte sich derartige Musik einmal von fast allen Konkurrenten anhören. Das wirkt nämlich schnell langweilig, nichtssagend, öde, während bei Klaus Schulze recht schnell etwas einsetzt, das man schwer beschreiben kann. Vielleicht macht er es sich wirklich leichter, als manch anderer Musiker, lässt seinen Gefühlen einfach freien Lauf, verbindet das mit technischen Ideen, ohne gross vorher zu komponieren, improvisiert einfach. Aber das kann längst nicht jeder. Und am Ende zählt das Ergebnis. Irgendwo wurde einmal die Frage gestellt: Klaus Schulze, ein Genie oder ein Scharlatan ? Nun ja: zu Themen wie 'Was ist Kunst  und warum ?' oder 'Wann ist man ein Genie - und wer bestimmt einen dazu - mit welcher Legitimation ?' sind unzählige Bücher, Bestimmungen von Begriffen, philosophische Auslassungen über Jahrhunderte geschrieben worden. Mit Alben wie "Timewind" überliess Klaus Schulze dem Hörer die Entscheidung selbst.

Es folgten 1976 Konzerte mit der international besetzten Gruppe 'Go' in Paris und London. 1977 komponierte er die Filmmusik zum Pornofilm 'Body Love' von Regisseur Lasse Braun. Die gleichnamige Soundtrack-LP erreichte den 2. Platz in den Import-Charts des US-Magazins Billboard. Im Jahre 1978 gründete Klaus Schulze das Plattenlabel Innovative Communication und produzierte neben der Band Ideal unter anderem Robert Schroeder, DIN A Testbild, Lorry und Baffo Banfi. 1979 baute er ein zweites Studio und ein Video-Studio auf für Innovative Communication. Dann folgte eine zweimonatige Tour durch Europa mit dem Sänger Arthur Brown. 1980 gab Klaus Schulze das Eröffnungskonzert der Ars Electronica mit der Linzer Stahlsinfonie, die überwiegend negatives Presseecho fand. Hierbei baute er seine Musik auf live aus dem Linzer Stahlwerk der Voest-Alpine AG eingespielten Werksgeräuschen auf. Die LP "Dig It", das erste vollständig digital produzierte Album überhaupt, erschien im gleichen Jahr. "Dig It" wurde von der Fachzeitschrift Stereoplay 1981 als bestes Klaus Schulze-Album überhaupt sowie als Referenzaufnahme für moderne Synthesizer-Produktionen als LP des Monats gewertet. Schulze war damals der erste Besitzer des zu dieser Zeit revolutionären 'GDS/GDS-Synergy'-Computersystems von Crumar General Development System (GDS) und Digital Keyboard Inc., mit dem man verschiedene Tonspuren erstmals parallel aufnehmen konnte. Die Zeit der analogen Rollstuhl-Elektronik war damit endgültig vorbei.

1983 wurde das Plattenlabel Innovative Communication verkauft und im darauffolgenden Jahr das Plattenlabel INTEAM gegründet, auf dem noch 1984 Manuel Göttschings Album "E2-E4" in einer limitierten Pressung erschien. Im gleichen Jahr schrieb Klaus Schulze den Soundtrack für den Film 'Angst'. Ab 1986 setzte Schulze verstärkt auf den Einsatz von MIDI und Sampling. Ebenfalls 1986 erstellte Schulze einen Remix für Frankie Goes To Hollywood: "Watching the Wildlife". Auf der 12" wurde Schulze als Remixer dieses Projekts genannt. Später stellte sich heraus, dass er möglicherweise doch nicht für diesen Mix verantwortlich war. Klarheit darüber gibt es allerdings bis heute nicht. 1988 folgte eine Koproduktion mit der Popgruppe Alphaville. In Dresden gab Schulze 1989 ein Konzert vor 6800 Zuhörern, 1991 ein Konzert vor dem Kölner Dom und ein Konzert in der Londoner Royal Festival Hall. Ausserdem produzierte er in diesem Jahr seine letzte Vinyl-LP.

Schulze gab 1994 Solo-Konzerte in Lille, Paris und Rom (mit Standing Ovations in Paris, bevor er auch nur eine Note gespielt hatte). 1995 erfolgten Produktionen und Aufnahmen mit der Popgruppe SNAP!. 1996 gab Schulze ein Konzert in Derby, England; 1999 gab er Konzerte auf einem Jazz-Festival in Hamburg (gemeinsam mit Pete Namlook) und auf einem Techno- und Ambient-Festival in Köln. Im Jahre 2000 komponierte Klaus Schulze die Musik für die Millennium-Feier in Peking. 2001 entstand beim Klang Art-Festival in Osnabrück im Rahmen eines viel gelobten Live-Konzertes die Aufnahme Live at Klang Art, Teil 1 und 2. Im November 2003 gab Schulze in Polen ein Konzert gemeinsam mit dem Licht-Künstler Gert Hof. Schulze erhielt im Jahre 2004 die Rechte früherer Alben von den damaligen Labels zurück und veröffentlicht nun über einen Zeitraum von mehreren Jahren insgesamt 100 Alben als Deluxe-Editionen auf dem deutschen Label SPV neu. Unter anderem erschien auch "Dig It" im aufwändigen Remastering-Gewand neu, enthalten war auch eine DVD mit Aufnahmen der Linzer Stahlsinfonie von 1980 sowie ein zusätzliches, bislang unveröffentlichtes Stück von Klaus Schulze. Im Rahmen einer Deluxe Edition erscheinen ebenfalls einzelne CDs aus den Boxen der Contemporary Works-Serie. Im Oktober 2005 erschien, ebenfalls auf dem SPV-Label, das neue Studioalbum "Moonlake", das positiven Anklang unter Musikjournalisten fand.

Im Jahre 2006 war Schulze mehrmals in Filmausschnitten sowie als Interviewpartner in der sechsteiligen Serie Kraut und Rüben im WDR zu sehen. Am 17. März 2006 zeigte das WDR-Programm ein ausführliches Interview mit Schulze sowie Ausschnitte eines seltenen Konzertes im Rahmen einer ausführlichen Dokumentation über die Entstehung der bekannteren Richtungen der elektronischen Musik in Deutschland, in der auch andere Synthesizer-Pioniere wie Edgar Froese, Michael Rother, Mitglieder der Gruppen Kraftwerk, La Düsseldorf, Neu!, Cluster, Popol Vuh, der Rockmusiker Achim Reichel und andere zu Wort kommen. Diese Serie befasste sich mit der deutschen Rock- und Popgeschichte in den 70er Jahren. Für das Anfang 2008 erschienene Album "Sehnsucht" des Projektes Schiller steuerte Klaus Schulze das Stück "Zenit" bei. Ein Auszug von über zwölf Minuten Länge fand sich auf der CD; die komplette, 35 Minuten lange Fassung wurde auf der DVD sowie als Bonustitel des Albums "Sehnsucht live" veröffentlicht.

Im November 2007 nahm Klaus Schulze Kontakt mit der australischen Künstlerin Lisa Gerrard auf. Es entstand das Doppelalbum "Farscape", das Anfang Juli 2008 erschien. Aufgrund der guten Zusammenarbeit lud Schulze Gerrard dazu ein, am 18. Juli 2008 mit ihm im Rahmen eines Progressive Rock Festivals auf der Freilichtbühne Loreley aufzutreten; es war Schulzes erstes Konzert nach einer Pause von fünf Jahren. Ein Mitschnitt des Konzerts wurde unter dem Titel "Rheingold" als Doppel-CD sowie als DVD veröffentlicht. Im Rahmen der Abmischung der CD/DVD in Peter Gabriels Real World Studios traf Schulze auf den britischen Musiker und Produzenten Steven Wilson (Porcupine Tree); das informative Gespräch der beiden, geführt in Form eines gegenseitigen Interviews, war auf der Rheingold-DVD enthalten. Im November 2008 folgten weitere Konzerte von Schulze und Gerrard in Berlin und Warschau, welche im Juni 2009 als DVD und CD "Dziekuje Bardzo" erschienen.

Im März 2010 spielte Klaus Schulze zum ersten Mal in Japan. Von den vom Tokyo Wax Museum initiierten zwei Konzerten erschien im November die 2CD+DVD-Box "Big In Japan - Live In Tokyo 2010". Klaus Schulzes 'Big Moog' Modularsystem ist einer der legendären Synthesizer der 70er Jahre. Das aus den Händen von Florian Fricke stammende etwa 100 kg schwere System kaufte Klaus Schulze am 22. Dezember 1975 und war während der zweiten Hälfte der 70er Jahre bis zum Erscheinen des Albums "Dig It" Schulzes Hauptsynthesizer (vgl. Covertexte und Fotos von Konzerten). Dieser Moog-Modularsynthesizer III p mit Sequenzer-Ergänzung B besitzt auf einer Fläche von 1,16 Quadratmetern mehr als 100 Drehknöpfe, Schalter und Buchsen für Verbindungskabel. Durch das programmierbare Doepfer-Interface MCV 24 wurde das System weitgehend midifiziert. Das System war noch Anfang März 2005 für das Album "The Dark Side Of The Moog X" in vollem Einsatz. Am 23. März 2005 wurde es auf Ebay versteigert.





Nov 18, 2017


BLACK LABEL SOCIETY - Unblackened (eOne Records EOM-CD2499, 2013)

Nach dem Album "Ozzmosis" beschloss Ozzy Osbourne Ende der 90er Jahre, eine voraussichtlich längere Pause einzulegen. Dies gab seinem Gitarristen Zakk Wylde die Gelegenheit, einige Zeit seinen Nebenprojekten Pride And Glory und Zakk Wylde's Book Of Shadows zu widmen. 1998 schliesslich hob Wylde ein neues Projekt aus der Taufe: Hell’s Kitchen. Mit Schlagzeuger Phil Ondrich und den Produzenten Ron und Howard Albert begann er an einem Album namens "Sonic Brew" zu arbeiten. Teile des Songmaterials stammten noch aus einer Session mit Guns N’ Roses. Das komplette Artwork und die Songs standen bereits fest, als sie feststellten, dass sie sich den Namen Hell’s Kitchen nicht sichern konnten. Sie benannten das Projekt deshalb in Black Label Society um. Der Name stammte aus der Vorliebe der beiden für Whiskey. Einige Teile des alten Artworks konnten trotzdem noch verwendet werden. Nick Catanese stiess als zweiter Gitarrist zur Band. Erst ein Jahr nach der Veröffentlichung des Albums in Japan (1998), wurde es auch für den amerikanischen und europäischen Markt in einer Remix-Version neu aufgelegt. Für die Tourneen wurde als Bassist John DeServio angeheuert. Die erste Tournee führte die nun vierköpfige Band durch Japan, Europa und Nordamerika. Die amerikanische Tour musste verschoben werden, da Johnnie Walker die Black Label Society verklagte. Die Firma behauptete, dass auf dem Cover des Debütalbums eine Flasche ihres Whiskeys abgebildet worden sei. Black Label Society entschied sich, das Album vom Markt zu nehmen und mit neuem Artwork wieder zu veröffentlichen.

Im Alter von acht Jahren begann Zakk Wylde, Gitarre spielen. Bis zu seinem 14 Lebensjahr spielte er unter anderem Songs von Elton John nach. Sein Gitarrenlehrer brachte ihm die Musik von Led Zeppelin und Jimi Hendrix näher. Entdeckt wurde Zakk Wylde von Ozzy Osbourne, der ihn im Jahr 1987 im Alter von 19 Jahren in seine Solo-Band aufnahm, um Jake E. Lee, den Nachfolger von Randy Rhoads, zu ersetzen. Wylde war kurz zuvor als Gitarrist bei der Band Zyris eingestiegen. Wylde hatte sein Debüt mit dem Album "No Rest For The Wicked" mit Ozzy Osbourne im Jahre 1988 und hatte seitdem zahlreiche Platten mit dem Black Sabbath Kopf eingespielt. Wylde gründete zwei eigene Formationen: Pride & Glory, die kompositorisch stark vom Southern Rock geprägt war, sowie Black Label Society, bei der unter anderem Black Sabbath-Einflüsse zu hören waren. Diese Gruppe blieb bis heute sein aktives Soloprojekt. Ein Merkmal seines Gitarrenspiels waren und sind die vielen Pinch Harmonics (künstliche Obertöne), die er in die harten Gitarrenriffs einbaute. Als Inspirationen seines Spiels und seines Schaffens nannte Zakk Wylde Gitarristen wie Randy Rhoads, Tony Iommi, Eddie Van Halen, Al Di Meola, Paco De Lucía und Jimmy Page. Auch Southern Rock im Stile von Lynyrd Skynyrd und den Allman Brothers (sein Gastauftritt war auf dem Bootleg "Zakk Goes Wylde" verewigt) fand sich in seinem Spiel wieder.

Gibson spendierte dem Gitarristen in den 90er Jahren ein Les Paul Signature-Modell mit Bullseye-Aussehen, das in der Folge zu seinem optischen Erkennungszeichen wurde. Er besass später auch auch eine Gibson Flying V und diverse andere Gitarren im Bullseye-Stil. 2001 gab Wylde sein Schauspieldebüt in Stephen Herek's Film 'Rock Star' an der Seite von Mark Wahlberg, Jennifer Aniston und Musikerkollege Myles Kennedy. 2010 beendete Ozzy Osbourne die Zusammenarbeit mit Zakk Wylde und nahm dafür den Gitarristen Gus G. (Firewind) in seine feste Besetzung auf. Grund für die Trennung sei gewesen, dass die Songs von Wylde zu sehr nach Black Label Society klingen würden. In seiner Autobiografie gab Osbourne an, dass Wylde eine sehr gefährliche Gesellschaft für einen trockenen Alkoholiker sei. 2011 spielte Wylde auf Jamey Jasta's Solodebüt "Jasta". Anfang 2012 gab Ozzy Osbourne bekannt, Wylde als Gitarrist neben Gus G. und Slash zu seiner Ozzy And Friends Tour 2012 wieder in die Band geholt zu haben. Des Weiteren wurde bestätigt, dass Black Label Society auch gleichzeitig die Vorband dieser Tour sein sollte, wie dies bereits 2007 und 2010/2011 der Fall gewesen war. Im April 2016 erschien Zakk Wylde's akustisches Solowerk "Book Of Shadows II", das er im Frühsommer 2016 auf mehreren Solokonzerten vorstellte.

2000 nahmen Wylde und Ondrich den Nachfolger zum Debut mit dem Titel "Stronger Than Death" auf. John DeServio übernahm nicht mehr den Bass, für die Tournee wurde Steve Gibb (der Sohn von Barry Gibb) engagiert. Im Vorprogramm spielten Crowbar und Sixty Watt Shaman. Die Tournee war mit einigen Problemen verbunden, so kollabierte Ondrich, ausgelöst durch ein Jetlag, bei einer Show in Anaheim, Kalifornien, die den Auftakt zu ihrer US-Tour bilden sollte. Während der Tournee kam Zakk Wylde auch eine seiner liebsten Gibson Les Paul-Gitarren abhanden, die 2004 in einem Pfandhaus wieder auftauchte. Am 6. Juli 2000 schliesslich kam es während des Sets in Highland (Indiana) nach drei Songs zu einem Schlagabtausch zwischen dem immer noch nicht genesenen Ondrich und Wylde. Danach verliess Ondrich die Band. Craig Nunenmacher von Crowbar übernahm das Schlagzeug für den Rest der Tournee und blieb der Band dann auch erhalten. Zu guter Letzt musste ab dem 27. September alle Shows abgesagt werden, da der Plattenfirma das Geld ausgegangen war. "Alcohol Fueled Brewtality Live +5", das erste Livealbum, erschien 2001. Danach spielten sie auf der Ozzfest-Tour. "1919 Eternal" erschien 2001 als Zusammenarbeit von Wylde und Nunenmacher. Ausserdem war noch Christian Werr als Gastschlagzeuger zu hören. Robert Trujillo spielte auf der Ozzfest-Tour 2002 die Bassparts.

2003 erschien das Album "The Blessed Hellride". Ozzy Osbourne war als Gastsänger zu hören und beim Video zur ersten Single führte Rob Zombie Regie. Die Tour wurde wieder mit Mike Inez absolviert. Das 2004er Album "Hangover Music Vol. VI" erreichte die US-Billboard-Charts auf Platz 40, nachdem der Vorgänger bereits die Top 50 erreicht hatte. Mit James LoMenzo wurde auch endlich ein fester Bassist gefunden, der die Band bei den Liveshows unterstützte. Das Album "Mafia" erschien 2004 und kam diesmal sogar in die Top 20 der amerikanischen Charts. 2005 wurde eine "Best Of"-Zusammenstellung  nachgeschoben. Nach zweijähriger Wartezeit erschien 2006 dann das Werk "Shot To Hell", das vorletzte Album der Band. Das Album "Skullage" erschien 2009, hierbei handelte es sich jedoch nicht um ein Studioalbum, sondern um eine "Best Of", welche 12 Tracks aus den Alben von "Pride & Glory" bis hin zu "Shot To Hell", sowie 4 Live-Tracks aus einer Akustik-Session in Leigh Valley beinhaltete. Zu "Skullage" gab es auch eine DVD-Veröffentlichung mit demselben Namen, die Videos der Band sowie Live-Konzertaufnahmen und ebenfalls die Akustik-Session Leigh Valley enthielt.

2010 veröffentlichte die Band die Single "Parade Of The Dead" sowie in den USA eine weitere neue Single mit dem Titel "Crazy Horse". Beide Songs stammten vom Album "Order Of The Black", welches am 10. August 2010 erschien. Das Doppelalbum "Unblackened" erschien im Jahre 2013 und zeigte eine andere musikalische Seite der Band. 
Dass Black Label Society auch in ruhigeren Gewässern ihre Songs sehr gut zur Geltung bringen konnten, hatte die Band im Frühjahr 2013 bei einem Gig im Club Nokia in Los Angeles gezeigt. Die Band griff hier vermehrt auf akustische Instrumente zurück, allerdings machte sie das nicht komplett. So entstand eine schöne Mixtur aus elektrisch verstärkten Instrumenten und dem typischen unplugged Sound. Dankeswerterweise griff Zakk Wylde auch auf Songs des "Pride & Glory" Projektes zurück, welches leider fast ein wenig in Vergessenheit geraten war. Wie gut das sanftere Soundgewand funktionierte, zeigten besonders Songs wie "Stillborn" und "House Of Doom", welche im Original eine etwas härtere Gangart fuhren. Der Live-Sound des Konzertes wurde sehr schön eingefangen. Alle Instrumente waren sehr präsent, die quasi Unplugged-Stimmung fabelhaft eingefangen.

Dabei startete "Unblackened" für ein Quasi-Akustikalbum ziemlich laut, nämlich mit "Losin' Your Mind", das elektronisch und mit viel Power präsentiert wurde. Würden die Protagonisten Black Label Society nicht auf Stühlen gesessen haben, man hätte meinen können, es mit einer regulären Show zu tun zu haben. Im Anschluss blieb es noch kurz recht laut, beziehungsweise elektrisch verstärkt, aber richtig leise hatte Zakk Wylde wohl ohnehin kaum Jemand erwartet, sodass der Rauschebart mit einer bluesig-coolen Version von "The Blessed Hellride" direkt einen Gassenhauer ins Publikum feuerte. "Sold My Soul" war dann die erste richtige Ballade, mit Piano und etwas bedächtiger vorgetragen, allerdings immer noch cool wie der Herbstwind und knietief im harten Rock stehend. Von nun an wurde es aber zusehends intimer, emotionaler und eindringlicher. Das Kollektiv Black Label Society lief live auch in der ungewohnten Rolle als Sitz-Band wie ein Uhrwerk und präsentierte insgesamt nicht weniger als 17 Songs auf "Unblackened". Eindeutige Gänsehautmomente lieferten Zakk Wylde und seine Gang zwischenzeitlich geradezu am Fliessband ("Road Back Home" soll hier als Referenz erwähnt sein), klangen aber zu jeder Zeit natürlich durch und durch amerikanisch. Soll heissen: erdig, gerne auch ein bisschen dreckig, mit einem feinen Gespür für den nötigen Groove, aber auch ein dem Anlass entsprechendes Mass an Gefühl, immer wieder versetzt mit vom Blues inspirierten Licks. In den epischsten Momenten klangen Black Label Society's Balladen sogar beinahe wie eine deutlich weniger kitschige Version von Bon Jovi's "Bed Of Roses". Bemerkenswert war vor allem das beinahe absurde Bild, das Zakk Wylde auf "Blackened" abgab: Dieser langhaarige, bärtige Brocken von einem Kerl sass einfach so da, schmetterte Balladen am Piano und bellte dazu so einfühlsam wie möglich seine tiefsinnigen Texte.

Als Tüpfelchen auf dem i sah man (auf der mitgelieferten Live-DVD) immer wieder toughe Kerle in Black Label Society-Kutten vor der Bühne stehen und wahlweise gebannt lauschend oder inbrünstig mitsingend. Das war schon eine interessante Konstellation, aber eine, die ganz hervorragend funktionierte. Gewissermassen Kuschelrock für Biker, Outlaws und andere harte Kerle. Für die und alle anderen Fans hatte Zakk Wylde sogar ein paar Songs vom ersten und einzigen Album seiner Southern Rock-Band Pride And Glory ins Set aufgenommen, was neben Standards wie "Stillborn" eine willkommene Abwechslung bedeutete. 2014 verliess Nick Catanese aufgrund anderer Aufgaben die Band und wurde durch den Lizzy Borden Gitarristen Dario Lorina ersetzt. Das nächste Album "Catacombs Of The Black Vatican" erschien am 7. April 2014. Die Musik der Black Label Society wurde und wird von walzenden Gitarrenriffs, kombiniert mit Pinch Harmonics, schnellgespielten Soli und ruhigen Klavierpassagen geprägt. Das Schlagzeug nimmt ebenso wie der Bass eine eher perkussive Rolle ein, da der Rhythmus oft einfach im 4/4-Takt gehalten ist. Die Gitarren sind in der Regel tiefer gestimmt, bis zu vier Halbtöne unter der normalen Gitarrenstimmung (von E nach C). Die Texte drehen sich oft um Seelenleid, Schmerz, Trauer oder das Leben. Das Musikgenre lässt sich eher als Doom-Metal mit starken Einflüssen von Southern Rock bezeichnen. Es sind allerdings auch Country- und Blueselemente zu finden.









Nov 17, 2017


CARLTON MELTON - Out To Sea (Agitated Records AGIT036LP, 2015)

Selten hatte mich ein Albumcover auf ähnliche Weise in die Irre geleitet wie das wirklich wunderschöne Plattendesign von "Out To Sea" der Band Carlton Melton. Die Gruppe war mir zuvor gar kein Begriff, aber dank des äusserst stimmungsvollen Frontcovers kam das als Doppelalbum, zusammen mit einer Bonus-CD (mit denselben Stücken) erschienene Werk erstmal mit nach hause. Dort erstmalig aufgelegt, war die Ueberraschung dann gross: Statt der irgendwie erwarteten zauberhaften Klänge erwartete mich ein Trip in andere Sphären, ebenso überraschend wie allerdings auch faszinierend. Eine wilde Mixtur aus Drone, Spacerock und immer wieder auch Elemente von sehr frei interpretiertem Psychedelikrock, der - so bunt zusammengemixt - in der Tat eine Soundkreation lieferte, die mir so noch kaum jemals bei einer Band begegnet war. Inzwischen bin ich zu einem bekennenden Carlton Melton Fan geworden, denn die Band gab es zuvor schon recht lange, und ihre früheren Werke stehen inzwischen genauso in meiner Sammlung wie das nachfolgende Werk. Die Band Carlton Melton besteht aus Andy Duvall (Gitarre und Schlagzeug), Clint Golden (Bass und Schlagzeug), sowie Rich Millman (Gitarre und Synthesizers).

Mendocino County in Nordkalifornien ist bekannt für seine spektakuläre Aussicht auf die Küste, die riesigen Mammutbäume in uralten Wäldern und die üppige Natur, die vom Menschen weitgehend unberührt bleibt. Es ist vielleicht die logischste Heimatbasis für eine Band wie Carlton Melton, die ihre Musik in einer geodätischen Kuppel komponiert und aufnimmt (auch bekannt unter dem Namen 'The Dome'). Es ist der perfekte Rahmen für eine Band, die meditative Soundtracks kreiert, die von den Zwängen traditioneller Songkomposition befreit sind. Während Carlton Melton's Sound stark von psychedelischer Musik inspiriert ist, sind es zu gleichen Teilen Blues, Rock, Improvisation und Drone. Ob die Band an einem wohldefinierten, an Led Zeppelin oder Joe Walsh erinnernden Riff hängt oder die konventionelle Musikstruktur à la Spacemen 3 und Bardo Pond weitgehend aufgibt: Carlton Melton verwendet Lagen, Texturen und Wiederholungen, um Musik zu schaffen, die die Räume voll ausnutzt. Zwischen Noten und Akkordwechsel stehen Sonic Explorations, wenn man so will. Die Musik, die Carlton Melton macht, ist kühn und zögert nicht, dorthin zu gehen", nur um zu sehen, was zum Teufel noch in der Welt der unerforschten improvisatorischen und psychedelischen Musik übrig bleibt. Und es gibt noch viel zu erkunden und zu bedecken. Ob im The Dome oder im Live-Setting, Carlton Melton gibt sich die volle Erlaubnis, spontane Klänge zu realisieren und zu schaffen und echte musikalische Gesten zu kreieren, die das Publikum auf der ganzen Welt ansprechen. Wie viele Bands können das von sich schon behaupten ?

Carlton Melton schiessen sich in ihr eigenes Psychedelik-Universum durch Raum und Zeit. Zu Beginn des Albums "Out To Sea" im Titel "Peaking Duck" katapultiert die Band den Zuhörer in eine verschrobene Spacerock-Ecke, in der man sich als erstes, gefühlt wie in einem Ohrensessel, auf das Kommende freuen darf. "Wheel and Deal" lässt einen dann darin den Head bangen. Kurz und knackig geht die Sache zu Ende. Song Nummerdrei mit dem Titel "Diamond In The Rough" fasziniert mit Dream-Drone. der an Surface of Eceon erinnert, bevor "Out To Sea", der Titelgeber des Albums, genial verstörend verdronet beginnt, sich ebenso durch die Mitte fräst, und zum Ende sich auch so genial verflüchtigt ("amfmpm"). Der nächste Streich groovt in Stonerrock-Manier kurze dreieinhalb Minuten durch die Ohren und lässt den Kopf abermals wippen. "To Close To Home", wiederum eine Dream Drone Nummer, der Sand durch das All streut und sich die Götter die Augen reiben - ein unglaublich entspannender Song.

"Similarities": Verspielt und fragil beginnt dieser Track, bevor sich dieser zu einer wundervollen monotonen ruhigen Psychedelic/Space Hymne entwickelt, die Nie zu Ende gehen sollte. Voller positiver Energie durch dieses soeben erlebte Glücksgefühl widmet man sich dem anschliessenden "It's Been Summer All Winter", der Galaxien durch einen verlorenen Kosmonauten, herumirrend durchs All, bereist und dessen Schwingungen auf den Hörer zukommen lässt. Bei "The Barrier" schliesslich entspannt die Seele. Psychedelisch kompakter Drone ist das, der im Blutkreislauf zirkuliert und die Bluthirnschranke durchbricht - Proteine für den Geist. Gutgelaunt, funkig, fuzzig und cool holt einen "Perridle" dann wieder ins hier und jetzt, und der Kopf wippt auch schon wieder. Als Abschluss erinnert "Realms" noch einmal an die wie im Fluge vergangenen über 70 Minuten. Der Asteroid zieht weiter und holt womöglich den ein oder anderen Freak auf den ein oder anderen Planeten, sie reisen gemeinsam ins nächste schwarze Loch.

"Out To Sea" nimmt all diese verschwommenen, körnigen Momente, die man an einer Carlton Melton LP letztlich so liebt, und führt sie durch einen richtigen Aufnahmestudio-Filter. Das Ergebnis ist eine klare Vision der Band-Philosophie: Lassen Sie sich von der Musik dorthin führen, wo sie hingehört. Diese leicht benommene, leicht medikamentöse Wolke, die sich über einige vergangene Alben gelegt hatte, haben Carlton Melton in ihrer gesamten Psychedelik Rock Herrlichkeit gezeigt. Rich Millman, Andy Duvall und Clint Golden sind die wahren Rock'n'Roll-Krieger, die sie seit etlichen Jahren schon auf der ganzen Welt verbrennen. "Out To Sea" ist ein weitläufiges Psychedelik Rock Meisterwerk. Die geodätischen Kuppelaufnahmen klingen spitze. Nur weil die Band in ein richtiges Tonstudio ging (El Studio in San Francisco mit Phil Manley), bedeutet das nicht, dass alles, was vorher kam, null und nichtig ist. Im Gegenteil: Frühere Alben wie "Country Ways" und "Always Even" hatten mich nachträglich zum Fan gemacht. Die loyalen Qualitäten, der körnige Dunst und die hauchdünnen Syntheizers von Rich Millman brachten mich zurück. "Out To Sea" ist fast wie ein experimentelles Album für diese nordkalifornischen Psychedelik-Zauberer. Kann eine Band, die normalerweise mit einer kräftigen Dosis analogem Zischen und gedämpftem Rätsel aufnimmt, etwas mehr Studiopolitisches abziehen ? Die Antwort ist ein klingendes Ja.

"Peaking Duck" kommt aus brüllenden Toren. Es ist, als würde Led Zeppelin mit Klaus Schulze jammen, während massive Schlagzeugsounds und schwankende Synthesizer mit einer guten alten knackigen Wah Wah Gitarre kollidieren. Es gibt keinen Zweifel, Carlton Melton rockt. "Wheel And Deal" hält diese Zeppelin-Stimmung zunächst aufrecht, mit einem Riff aus dem "Physical Graffiti"-Playbook. Ziemlich bald jedoch fügen die Carlton Melton Musiker ihre eigene Version des klassischen Rock-Vibe hinzu und schiessen dieses Raketenschiff direkt in das Herz der Sonne. "Diamond In The Rough" ist ein schöner 7-minütiger Tagtraum. Wenn man diese grossartige, sanfte Melodie hört, kommen einen die diffusen und farbenprächtigen Lichter eines wundervollen Sonnenuntergangs in den Sinn. Es erinnert an einige von Yo La Tengo's spaceigeren Momenten. Und dann dreht sich alles plötzlich wieder von innen nach aussen. "Out To Sea" ist eine Kakophonie von Feedback und Dissonanz. Tremolo-Gitarren klingeln und durchdringen die Dunkelheit mit etwas, das im fernen Hintergrund wie etwas Leichtes und Glänzendes klingt. "Similarities" öffnet sich leicht, mit einer sauber verzögerten Gitarrenlinie. Der Track baut sich zu einem wackeligen, peppigen Rocker auf. Eine stoned wirkende Ambivalenz durchdringt diese ausgezeichnete Melodie. "It's Been Summer All Winter" ist ausbreitend und episch. Es fühlt sich sowohl in der Erde als auch in der Umlaufbahn verankert - bodenständiges Schweben irgendwie, auf jeden Fall aber äusserst faszinierend. "The Barrier" ist so schwer und verdammt beladen wie etwas, das man als Godspeed You Black Emperor erkennen könnte.

"Out To Sea" ist definitiv ein Gitarrenalbum. Noch mehr als vergangene Carlton Melton Platten. Die Synthesizers nehmen eher einen Platz im Hintergrund ein, damit Carlton Meltons Gitarrenkönnen im Scheinwerferlicht gezeigt werden kann. Weitschweifend, verträumt, schaukelnd, stimmungsvoll: alles Attribute, die diesem Album uneingeschränkt gerecht werden. Carlton Melton haben mit "Out To Sea" eine epische, berauschende Soundcollage geschaffen. Sie selbst nennen es Dome Rock. Improvisierte, experimentelle, instrumentale, psychedelische Bewegungen aus Schlagzeug, Gitarre, Bass und gelegentlich Synthesizer. Auf der Bio-Seite ihrer Website gibt es eine geschickte kleine Passage, die fast wie ein Haftungsausschluss wirkt: 'Es versteht sich, dass diese Musik nicht Jedermann's Sache ist. Wenn Sie erstklassige, moderne Produktionen und raffiniertes Songwriting bevorzugen, möchten Sie vielleicht hier aufhören. Wenn Sie alte SST-Kassetten oder eine frühere Spaceman 3-Kassette bevorzugen, die Sie kürzlich auf dem Rücksitz Ihres Autos gefunden haben, können Sie weiterlesen". Eine herrliche Definition. Carlton Melton sind mehr als nur eine gewöhnliche Rockband: Sie schaffen es, fabelhafte Stimmungsbögen zu erzeugen. Die Platte bietet eine Vielfalt an Verschiebungen in Ton, Farbe und Form - das macht "Out At Sea" zu einem Album, das es wahrlich verdient, Aufmerksamkeit zu erhalten - wie überhaupt die Gruppe Carlton Melton.









Nov 15, 2017


THE MONSTERS - M (Voodoo Rhythm Records VR12100, 2016)

Beat Zeller, also known as The Reverend Beat-Man, feierte mit seinen wüsten Garagenpunks The Monsters 30 Jahre Bandgeschichte. Das 2016 erschienene Album "M" mit der Originalität im Rock 'n' Roll gleichzusetzen, war so eine Sache. Wie so oft im Leben schadete es auch in diesem Falle nicht, im Zweifelsfall lieber klug zu stehlen als schlecht zu kopieren. Sogar die alte kommunistische Doktrin von Eigentum als Diebstahl wurde vor allem in dieser kapitalistischsten aller Künste umgesetzt. Kunst ist nicht nur im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit und hier schliesslich bei möglicherweise nicht legalem Filesharing angelangt. Als Basis diente hier auch zwecks Publikumsgewinnung die nicht allzu gross zu öffnende Schere zwischen kreativem Alleinstellungsmerkmal und normativer Stilausrichtung. The Monsters kommen aus der eigentlich nicht als Rock'n'Roll-Brennpunkt konzipierten Schweizer Hauptstadt Bern. Ob man dort von den Gehsteigen essen kann, zweiminütiges Zuspätkommen mit fünf Jahren Verbannung ins im Berner Hinterland liegenden Emmental bestraft wird oder die Gehsteige tatsächlich um 20 Uhr hochgeklappt werden, das alles ist nicht bekannt. Sehr wahrscheinlich existiert dort aber schon seit Jahren eine zumindest kleine Szene lokaler Tunichtgute und das Gute, Wahre und Schöne verweigernder Menschen, die selbst noch im Frührentenalter als Halbstarke durchgehen.

Trash Rock'n'Roller: Primitiver Rock aus der sprichwörtlichen Garage ist von den 60er Jahren herauf eine natürliche Verweigerungshaltung mittelstädtischer 'juvenile delinquents', die in ihrem sturen Beharren auf Antimodernität immer schon in der Provinz ihr natürliches Habitat fanden: 1. Wir wissen zwar nicht, worum es geht, wir sind aber dagegen! 2. Was man singen kann, kann man auch brüllen. 3. Diese Computer werden sich nicht durchsetzen. 4. Und überhaupt! 1986 gründete der solo auch als Reverend Beat-Man auftretende Berner Beat Zeller die Band The Monsters. Mittels primitiven, gewaltbereiten Rock'n'Rolls, Garagen-Punks und trashigen Rockabillys (ungefähre Eigenbeschreibung) sollte gegen die nicht gut genuge Gesamtsituation angekämpft werden. Nicht wenige wollten das gerne hören, aber nur wenige wollten das verkaufen müssen. Deshalb entstand 1992 das hauseigene Label Voodoo Rhythm Records.

Auf Voodoo Rhythm veröffentlichte Zeller seitdem diverse, grundsätzlich immer gleich klingende Aufsässigkeitsalben wie dieses "M". Auf diesem zu hören waren unter anderem gut gebrüllte, ewig juvenile Instantklassiker mit möglicherweise nicht immer selbstkomponierten Hooklines und Riffs. Sie trugen schöne Namen, die oft gar nicht mehr Text als den Songtitel benötigten, man wollte ja nicht geschwätzig sein: "Happy People Make Me Sick", "Too Pretty To Be Loved" oder "Let Me Spend The Night With Your Wife". Alt, aber nicht milde Im Vergleich zu über die Jahre zusammengesammelten Labelkollegen wie dem wahnsinnigen US-Pilotenhelm Mikrofon-Schreihals Bob Log III, den Zeitlupen-Balladeuren The Dead Brothers oder Bands mit lustigen Namen wie The Pussywarmers, The Hormonauts, The Watzloves oder The Sex Organs legten The Monsters Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild. Auch Friseurbesuche durften unternommen werden. Wenn dann allerdings die mit Fuzzeffekt verzerrten Gitarren beim Anschneiden der Grosshirnrinde Hits wie "Baby You're My Drug" einleiteten, der Reverend das Lob der Wollust und Triebhaftigkeit predigte und gleich zwei Schlagzeuger auf eineinhalb Schlagzeuge eindreschen liess, musste eines schon klar sein: Diese Musik ist alt, aber sie ist nicht milde.

Seit 30 Jahren schlichen sich The Monsters immer wieder aus ihrem modrigen Kellerloch, nachts, um mit einer einzigartig schmutzigen Mischung aus Trash-Pop, Garage und Sex-Soul-Beat die Haupt- und Nebenstrassen der Musikmetropolen heimzusuchen. Den Monsters ging es damals wie heute darum, dem hässlichen, strahlenden Gesicht des Mainstream in selbiges zu schlagen, ein Kampf, der laut, fies und wild geführt werden musste. Und genauso klang ihr Soundtrack zu dieser Dresche: Schrill, heftig, aber auch immer mit voodooeskem Humor, mit Selbstironie, bei allem Angriffsgeist. Fritz Lang, der grosse Expressionisten-Regisseur, dessen Serienmörder-Meisterwerk 'M - eine Stadt sucht einen Mörer' zu diesem Album inspiriert hatte, wäre wahrlich stolz gewesen. Und stolz war der Reverend beim Hauslabel Voodoo Rhythm auch, weil auf einer zweiten CD gleich 15 befreundete Bands aus diesem herrlichen Schmuddel- und Kellerkinder-Umfeld bis nach Neuseeland und den USA einen Sampler mit Coverversionen der Monster-Songs beigesteuert hatten.

The Monsters hatten im Jahre 1989 die LP "Masks" in gerade einmal drei Tagen im Sedel, Schweinesound Studio eingespielt, und die Platte wurde damals auf dem Berner Label Record Junkie Records in einer Auflage von 666 Stück veröffentlicht. Die Auflage war fix ausverkauft und danach nie wieder nachgepresst worden. Von wegen CD oder digital: Damals kannte noch niemand diese Worte, doch irgendwann war die Zeit gekommen, diese ersten Gehversuche der Monsters einer grösseren Öffentlichkeit vor die Füsse zu werfen. Die Songtexte waren immer noch sehr stupid und instrumentalistisch war die Band im Neandertaler-Stadium, und das war, was dieses Machwerk ausmachte. Purer Teenage Trash-A-Billy. Im Probenraum wollte niemand singen und die Instrumente waren zu laut und die PA zu leise, so musste Beat-Man singen. Er hatte die lauteste Stimme. Ihre damalige Liebe für Rockbilly und 60's Garagenpunk wurde so im Primitivsten umgesetzt

1991, exakt in der Zeit, als kommerzieller Techno, Grunge und Heroin Groove Punk die Welt übersäten, veröffentlichten The Monsters aus Bern in der Schweiz ihr zweites Studioalbum "The Hunch", benannt nach einem Hasil Adkins Song. Man hatte den Monsters damals nahegelegt, in ein großsses, properes Tonstudio zu gehen und eine fette Aufnahme zu machen und so hatte man das dann 1990 auch gemacht - und glücklicherweise auch zum letzen Mal in ihrer Karriere. Das Tonstudio war allerdings so enorm teuer für ausgebrannte Punk Rock Teenagers wie es die Monsters damals waren, sodass sie sich nur Aufnahmen für eine Seite der Platte leisten konnten. Die zweite Seite wurde dann bei einem Konzert 1991 im ISC Club in Bern, ihrer Heimatstadt, zusammen mit Sam von The Radiations und Jimmy Ochsenbein aufgenommen. Diese Platte brachte den Monsters damals den kommerziellen Durchbruch und wurde überdurchschnittlich oft verkauft. Es gab Song-Auskopplungen und Lizenzierungen von anderen Labels; so wurde unter anderem der Song "The Creature From The Black Lagoon" auf dem Los Angeles Label Dionysus Records herausgebracht unter dem Musikstil 'Grungeabilly'. The Monsters wurden dann auch sehr aktiv und tourten durch ganz Europa. 1990 und 1991 gab es noch einen Wechsel am Schlagzeug. Und so spielte auf der ersten Seite der LP "The Hunch" noch Peppe mit, auf der Live-Seite dafür schon der neue Schlagzeuger Di Putto

Der Beginn des sogenannten 'Primitive Rock'n'Roll Chainsaw Massacre Trash Garage' folgte dann mit dem Album Nummer drei, betitelt "Youth Against Nature". Aufgenommen wurde dieses Album Ende 1994 zusammen mit Robert Butler (Pantichrist) und Kat Allen (Reithalle Bern) als erste Aufnahme für die Band ohne Kontrabass und geschrumpft in ein Trio (der erste Gitarrist Yves hatte 1992 die Band verlassen). Der Gitarre wurde ein Fuzz Pedal und dem Gitarrenverstärker nun das Level 13 eingebaut. Dies war der musikalische Wendepunkt der Band.  Nach den etwas Psychobilly lastigen Veröffentlichungen "The Hunch" und "Masks" war man des relativ cleanen Studiosounds überdrüssig geworden, mietete beim lokalen Musikgeschäft ein Homerecording Studio (Akai-1214) und nahm die Sache selbst in die Hand. Für den Gesang mussten die Mikrophone aus der benachbarten Reithalle dran glauben. Um die Kosten möglichst gering zu halten, wurde das gesamte Material in lediglich zwei Tagen aufgenommen und abgemischt. Die acht Songs umfassende EP "Jungle Noise" wurde 1995 auf dem Deutschen Label Jungle Noise als 10" veröffentlicht und die überschüssigen Songs als Singles über diverse andere Labels vertrieben. Der Song "It's Not My Way" wurde ursprünglich für eine Anti Kriegs-Compilation aufgenommen, dann aber nicht verwendet, da der Song den Verantwortlichen zu trashig war. Seit diesem Zeitpunkt starteten die Monsters durch und begeisterten ihre seither stetig gewonnene Nachfolgerschaft mit unzähligen Konzerten auf zahlreichen Touren in ganz Europa.

Nach 30 Jahren im musikalischen Zerstören gutbürgerlicher Werte waren die Monsters schliesslich im Jahre 2016 nach Toulouse gefahren, um in einen stinkigen, modrigen Übungsraum zusammen mit LoLo Spider von Destination Lonely ihr Album "M" einzuspielen. Das Album startete mit einem Fuzz Trash Garage Punk-Knaller mit dem Titel "Baby You're My Drug" und ging fliessend in die Hardcore Boogie-Nummer "Dig My Hair" über. So ging es im Grunde auch das ganze Album lang weiter, Verschnaufpause nicht inklusiv, eine knappe halbe Stunde pures Vollgas. Als Alternative zu dem Geschwätz und dem allwissenden Nichtwissen der Menschheit im Heute, hatte sich die Band entschlossen, gemeinsam dagegen anzutreten und alle Songtexte auf ein paar Worte zu beschränken, um sich irgendeinem sinnfreien Geschnatter zu verweigern. So war es dann gekommen, dass weit weg von jeglicher Poesie, sich nicht einmal die Wörter reimen durften - So what the Fuck. Der Song "Voodoo Rhythm" war erstens ein Tribut an ihr Platten Label Voodoo Rhythm Records, anderseits für Muddy Roots Music (Tennessee), wo die Monsters an etlichen Festivals gespielt hatten. Dass Reverend Beat-man und seine Monsters bis heute ohne jede vermeintliche Stilfähigkeit herumbolzen, spricht letztlich für sich. Ehrlichere Musik findet man bis heute absolut nirendwo, ausser in diesem musikalischen Bereich. It's only Rock'n'Roll and know waht ? I fucking like it!



Nov 14, 2017


DAN BERN - Fifty Eggs (Work Records 489717 2, 1998)

Dan Bern ist ein grandioser Geschichtenerzähler, Fabulierer und Querdenker. Die Texte des US-Songwriters zeugen von einer flammenden Liebe zur Sprache, die er virtuos nutzt, um uns immer wieder neue Leseweisen der Welt anzubieten. Sein wichtigstes Werkzeug ist dabei neben kleineren Erzählungen und Kurzgeschichten der gute, alte, traditionelle Song, wie ihn schon Generationen vor ihm geformt haben - von Bob Dylan bis Elvis Costello, von Woody Guthrie bis Bruce Springsteen. Wenn auf diesen musikalischen Pfaden Jemand wandelt, der die Saiten der akustischen Gitarre schrammelt, mit einer nasalen Stimme ausgestattet ist, nicht die Blümchen von der Tapete singt, weil er etwas zu sagen hat und das auch noch ausgesprochen eloquent erledigt, dann ist die Sache meist klar: ein neuer Bob Dylan winkt. Das Songwriter-Trauma ? Nein, das muss nicht sein. "Well, I think in a way Bob Dylan was sort of the Dan Bern of the '60s", soll letzterer die ständigen Vergleiche seiner Person mit der mürrischen Legende treffend kommentiert haben. Weil es auch in der heutigen Zeit genug Anlässe zur Beschwerde gibt, ist es um so schöner, wenn das Jemand mit solch sprühendem Sarkasmus und musikalischer Vielseitigkeit zuwege bringt: mit aggressiver Punk-Attitüde an der akustischen Gitarre im Song "Tiger Woods" beispielsweise, weicher Ballade bei der einfühlsamen Erinnerung an das Seles-Attentat ("Monica"), edlem, von Band und Cello unterstütztem Groove und Texten, die geschaffen wären, ein für allemal den Unterschied zwischen Zynismus und Bitterkeit zu erklären. So mag die Korrektur der Evolutionstheorie ("Aliens Came And Fucked The Monkey") vielleicht nicht lehrplanfähig sein, doch bei dem Versuch, Plastikblumen, Faxgeräte und Michael Jordan mit der Menschheitsgeschichte in Einklang zu bringen, allemal hilfreicher als Darwin's Finken.

Dan Bern wurde am 27. Juli 1965 in Mount Vernon, Iowa geboren. Er ist der Sohn zweier auf der Flucht vor den Nazis emigrierter Juden (deutschstämmiger Familienname: Bernstein). Vergleiche mit Bob Dylan begleiteten den Musiker seit seinem ersten Album und zugegeben: starke Ähnlichkeiten sind nicht von der Hand zu weisen. Aber Dan Bern ist keine simple Bob Dylan-Kopie, sondern ein eigenständiger, entdeckenswerter Singer/Songwriter, der über ein sehr abwechslungsreiches eigenes Instrumentarium verfügt, wie beispielsweise die Steel Gitarre, das Cello und die Mundharmonika, nebst allerlei sechssaitigem Gerät. Er ist ein sehr überaus guter Songschreiber mit nachdenklichen, kritischen Texten und im Gruinde ein klassischer Geschichtenerzähler, Poet, Querdenker und kritischer Zeitgeist, der textlich vielleicht sogar noch näher an Ray Davies als an Bob Dylan ist. Seine Einflüsse sind entsprechend vielfältig. Nest den bereits Erwähnten kann man durchaus auch einen John Prine, Randy Newman oder auch Tom Petty dazuzählen.

Zu seinem zweiten Album "Fifty Eggs" von 1998 merkte der deutsche 'Rolling Stone' an: "Es ist vor allem die Musik, die das Album zu einer der wichtigsten Songschreiber-Platten des Jahres adelt. Präzise und ohne auf Klischees zurückzugreifen, treibt Bern seine Songs voran". 13 Songs mit einer Gesamtlaufzeit von 54:53 Minuten präsentierte der Musiker auf seinem brillianten zweiten Werk. Einzelne Songs herauszupicken und zu beschreiben, wäre unnötig gepuzzelt, man muss es in der Gesamtheit erfassen, den Sarkasmus, den Kampfgeist, das brilliante Hirn dahinter entdecken und verinnerlichen, die skalpellartigen Mundharmonika-Attacken von Kopfhaut bis Fussnägel flehen lassen, ja so geht das. Ein Tag voller Wehmut, Sentimentalität, Schmerz, Wahrheit. Für Tage an denen man am liebsten durch die Wand gehen möchte, nachdem man seinen Kopf an diese geschlagen hat. Über Tage des Mutigseins, des Aufbruchs, des Wollens aber nicht Könnens oder Dürfens. An Tagen an dem der Spiegel verhängt sein sollte weil man nur Dorian Gray erblicken würde. Solche Tage wie dieser oder jener.

Die Musikerin Ani DiFranco spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung dieses vortrefflichen Albums, und zwar sowohl als Mitmusikerin, aber auch als Arrangeurin und letztlich Produzentin. Das wiederum lässt Dan Bern stilistisch näher an Ani DiFranco herankommen als an Bob Dylan. Roadsongs, musikalisch typisch amerikanisch dargeboten, mit allem, was der sogenannte Americana-Sound hergibt - vom erzählenden Talking Blues bis zum simplen, straighten Rock'n'Roll-Song. Das wäre nicht besonders erwähnenswert, wenn da nicht noch Dan Bern's fabelhaften Songtexte wären. Die Art, wie Bern seine Geschichten schreibt, liegt ganz in der Tradition jüdischer Erzähler: gewandt, ausdrucksstark, humorvoll und hintersinnig. Dan Bern ist der Sohn zweier auf der Flucht vor den Nazis emigrierter Juden. In dieser Tradition schreibend, auch die Mythen der Beatnik-Literatur aufgreifend, reiht sich der Mann von der Westküste nahtlos in die Galerie von Bob Dylan über Kinky Friedman bis Randy Newman ein und erzählt seine skurrilen Geschichten. Als er zum ersten Mal Dylan's "Leopard Skin Pill Box Hat" hörte, habe er sich sofort eine Gitarre gekauft, sagt Bern, und genau das hört man - sowohl musikalisch als auch in den Geschichten mit ihrer New American Language.

Dan Bern konnte seine Popularität stetig steigern, wenngleich ihm bis heute ein echter Hit verwehrt blieb. Einige seiner späteren Alben, wie "New American Language", "The Swastika EP", "Fleeting Days" und "My Country II" veröffentlichte er unter dem Namen Dan Bern & The International Jewish Banking Conspiracy. Diese Band, mit welcher er mehrere Jahre auch live äusserst aktiv blieb, bestand aus dem Keyboarder Wil Masisak, der auch Schlagzeug, Bass und Gitarre spielte, aus dem Gitarristen und Steel Gitarristen Eben 'Eby Brown' Grace, dem weiteren Gitarristen und Bassisten Brian 'Slim Nickel' Schey, Paul Kuhn am Cello, Anna Phoebe an der elektrischen Violine, sowie den beiden Schlagzeugern Colin 'Spanky' Mahoney und Jake Coffin. Im Frühjahr 2007 gewann Den Bern's Album "Breathe" den 'Annual Independent Music Award' für das beste Singer-Songwriter Album in der Sparte Folk. In den Jahren 2009 und 2010 spielte Dan Bern oft mit Common Rotation, einer Musiktruppe aus Los Angeles, deren Besetzung aus Gesang, Gitarre, Banjo, Trompete, Saxophon und weiterem aussergewöhnlichen Instrumenarium bestand, zusammen. Eines dieser Konzerte vom September 2009 in der M Bar in Los Angeles wurde live mitgeschnitten und erschien im Frühling 2010 unter dem Titel "Live In Los Angeles". Dabei präsentierte Dan Bern die Hälfte der Songs ausschliesslich solo, die andere Hälfte zusammen mit der Band Common Rotation.

Bern's Songs fanden auch Einzug im Film 'Walk Hard', für dessen Soundtrack er 16 Songs beisteuerte. Viele der Songs machten erst die Theatralik des Films aus, wie beispielsweise das dylaneske "Royal Jelly" oder das melodiöse "(Have You Heard The News) Dewey Cox Died". Dan Bern lieferte daraufhin für weitere Filme zahlreiche Songs, etwa für die Kinofilme 'Get Him to the Greek' und 'Father's Day'. Bern’s Song "One Dance" fand sich im Film 'Zero Effect'. Bern schrieb ausserdem den Titel "Swing Set", ein Duett mit Emmylou Harris, für die Broadway Produktion des Stücks 'Family Week', inszeniert von Jonathan Demme und er schrieb auch den Titelsong zu Demme's Dokumentarfilm 'Jimmy Carter: Man From Plains'. Im Jahre 2012 veröffentlichte Dan Bern gleich zwei neue Alben mit amerikanischer Roots-Musik: "Drifter", das wiederum ein Duett mit Emmylou Harris enthielt, sowie "Doubleheader", ein Album, das sich mit der Geschichte des Baseball beschäftigte. Dieses Werk spielte er in Bob Weir's TRI Studios in Marin County ein. Auf beiden CDs waren erneut die Musiker der Band Common Rotation zu hören.

Neben der Musik betätigte sich Dan Bern in jüngeren Jahren auch als Schriftsteller und schrieb und illustrierte unter anderem das Buch 'Cleaver the Gronk', erschienen im Jahre 2012 und die Novelle 'Quitting Science', das 2004 erschienen war. Er veröffentlichte seine Bücher unter dem Pseudonym Cunliffe Merriwether. Bern lebt mit einer Frau und seiner Tochter in Los Angeles. Dan Bern ist ein grosser Baseball-Fan, und einer seiner inzwischen populärsten Songs "Johnny Sylvester Comes Back To Visit The Babe" setzt sich auch mit diesem Thema auseinander. Dan Bern erzählt darin die Geschichte der beiden Baseball-Legenden Babe Ruth und Johnny Sylvester.






Nov 13, 2017



BRYN HAWORTH - Grand Arrival (A&M Records SP 4682, 1978)

Bryn Haworth ist ein britischer Rocksänger und Gitarrist, der sich als Solokünstler wie als Sessionmusiker seit Anfang der 70er Jahre einen Namen gemacht hat. Haworth kam in den 60er Jahren aus Lancashire nach London und schloss sich 1966 der Band Les Fleur de Lys an. Ihre wenigen Aufnahmen waren kein kommerzieller Erfolg; da die Band aber professionell war, spielte sie im Studio und live für viele Künstler ihres Labels Polydor Records als Begleitgruppe, vor allem für Sharon Tandy, deren von den Fleur de Lys aufgewerteten Singles zu den sicherlich aufregendsten, tanzbarsten und schrillsten Veröffentlichungen des Jahres 1967 gehörten. Als die Band im Frühjahr 1969 aufgelöst wurde, ging Haworth nach Kalifornien, von wo aus er mit diversen Gruppen wie der Jackie Lomax Band oder der von Bill Graham zusammengestellten Band Wolfgang durch die Vereinigten Staaten tourte. 1973 kam er zurück nach Grossbritannien und nahm für Island Records seine erste Solo-LP auf. An "Let The Days Go By" wirkten unter anderem Gordon Haskell und Pete Wingfield mit. An seiner zweiten LP für Island, betitelt "Sunny Side Of The Street" (1974), waren Musiker von Fairport Convention, Madeline Bell und wieder Pete Wingfield beteiligt. In dieser Zeit spielte er nebenher auch als Sessionmusiker für Gallagher and Lyle, Andy Fairweather-Low und andere.

Seit 1974 wandte sich Bryn Haworth dem christlichen Glauben zu, was einen starken Gospeleinfluss in seine Musik brachte. Für das nächste Soloalbum ging er zurück in die USA. Sein drittes Werk "Grand Arrival", das im Jahre 1978 veröffentlicht wurde, nahm der Künstler in Nashville auf. Durch die Wahl des Aufnahmeortes ergab sich auch eine durch die Plattenfirma wohlwollend und grosszügig ausgelegte Besetzungsliste, die alleine schon aufhorchen liess, denn sie gehörte zum qualitativ Besten, was die Musikszene in Nashville zur damaligen Zeit als Gast- und Studiomusiker zu bieten hatte. So waren an den Aufnahmen zu "Grand Arrival" unter anderem folgende Musiker beteiligt: Der Schalgzeuger der Muscle Shoals Rhythm Section Jerry Carrigan, der schon in der Band von Elvis Presley gespielt hatte bildete zusammen mit dem Bassisten Jessie Boyce das Fundament, über das der Multi-Instrumentalist Bryn Haworth seine diversen Gitarrensounds und seine Stimme legte. Dazu gesellten sich zu den entsprechenden Songs zahlreiche Gastmusiker von Rang und Namen, wie beispielsweise der weltbekannte Mandolinenspieler Sam Bush, der Steel Gitarrist Buddy Emmons, der Gitarrist Billy Sanford, der legendäre Bassist Tommy Cogbill sowie einige weitere damals ebenso populäre wie hervorragende Sessionmusiker.


Trotz des Aufnahmeortes und auch der Wahl der Musiker geriet "Grand Arrival" nicht zu einem Country-Album, wie man das aufgrund dieser Konstellation vielleicht hätte vermuten können. Vielmehr gelang Bryn Haworth mit dieser Platte ein sehr vielseitiges, eher dem Countryrock, respektive einer frühen Form der Americana-Musik zuträgliches Werk, das bisweilen auch angenehm rocken konnte, wie zum Beispiel im Titelstück "Grand Arrival". Dazu kam ein unüberhörbarer Gospel-Touch, der sich allerdings nicht nur auf gelegentliche Hallelujahs in den Songtexten beschränkte. Die Zuordnung zum christlichen Poprock könnte einerseits das Schicksal dieser hervorragenden Platte in kommerzieller Hinsicht bedeutete haben, andererseits war sie kein missionarisches Unternehmen. Was allen Songs gemeinsam war: Sie verfügten über wundervolle Melodien, die sich sofort im Gehör festkrallen konnten, alleine dieser Umstand führte dazu, dass man die wirklich nur moderat christlichen Songtexte manchmal geflissentlich überhören mochte und dies auch konnte. Die Musik stand eher im Vordergrund und nicht wie bei manch anderer christlichen Plattenveröffentlichung zugunsten von missionarischen oder gar Bibeltexten eher im Hintergrund.

Instrumental war die ganze Platte ein Genuss, und auch gesanglich präsentierte Bryn Haworth einen stimmungsvollen und bunten Strauss voller emotionaler Songs, die seine angenehme Stimme stets ins rechte Licht stellten, immer wieder unterstützt allerdings durch hervorragende Chorstimmen, für die ebenfalls ausgewiesene Studio- und Sessionmusiker aus Nashville verantwortlich zeichneten, wie etwa die vielbeschäftigten und auf zahlreichen Plattten namhafter Künstler und Bands zu findenden Imperials, die auch schon Elvis Presley begleitet hatten, oder die Halladay Sisters. Der Kontrapunkt war beispielsweise der Keyboarder Bobby Woods, der ursprünglich namhafte Jazzmusiker begleitet hatte, zu denen etwa Herbie Mann und Hubert Laws zählten, der sich später aber insbesondere in der hiesigen Countryszene zu einem der begehrtesten Keyboarder mauserte, dessen Dienste denn auch von Weltstars wie Willie Nelson, Johnny Cash oder Bobby Womack in Anspruch genommen wurden. Titel wie "We're All One" rockten sehr gemütlich und klangen wie ein Mix aus J.J. Cale und The Tractors, während zum Beispiel der Opener "Come See What Love" auch glatt einem Doobie Brothers Album hätte entstammen können. "Woman Friend" und ganz besonders "Full Day" hingegen waren Countryrock in Reinkultur. Alle Songs hatte Bryn Haworth selbst verfasst und mit Don Everly (von den legendären Everly Brothers) hatte er einige wunderschöne Duette eingesungen.

In den folgenden Jahren tourte Bryn Haworth ausgiebig in Europa, als Supporting Act unter anderem für die Bands Traffic, Bad Company, Gallagher And Lyle und Fairport Convention. Weitere Alben und Tourneen folgten solo und als Bryn Haworth Band. Als Sessionmusiker war er von 1975 bis 2005 unter anderem für Chris de Burgh, Joan Armatrading, Marianne Faithfull, Cliff Richard, Ian Matthews, John Cale und Gerry Rafferty im Studio. Lulu, Sandy Denny und Mary Black haben ausserdem Titel des Songwriters Bryn Haworth interpretiert. Seit Anfang der 90er Jahre widmet sich Bryn Haworth auch karitativen Aufgaben. So geht er regelmässig in Gefängnisse, um Musik zu machen und Bibelstunden zu geben. Dabei veranstalteten Bryn Haworth und seine Ehefrau Sally 2006 unter anderem im Hochsicherheitsgefängnis Highdown in Surrey mehrere Musik-Workshops mit den Insassen. Auch seine Aufnahmen widmen sich zunehmend christlichen Themen, wie an den Titeln seiner Alben "Songs & Hymns" ("Lieder und Hymnen", 1999) und "Keep The Faith" ("Bewahre den Glauben", 2005) deutlich wird. Bryn Haworth ist einer der hervorragendsten unbekannten Gitarristen, den man unbedingt kennen sollte.









Nov 12, 2017


MELVINS - Electroretard (Man's Ruin Records MR2002, 2001)

Die Melvins wurden 1983 vom Sänger und Gitarristen Buzz Osborne, dem zukünftigen Mudhoney-Bassisten Matt Lukin und dem Schlagzeuger Mike Dillard, die allesamt zur High School in Montesano Washington gingen, in Aberdeen/Montesano, Washington gegründet. Am Anfang spielte die Band Coverversionen von Jimi Hendrix und The Who, später extrem schnellen Hardcore Punk Rock. In dieser Konstellation nahmen die Melvins ein Demo auf. Als Dillard die Band 1984 verliess, wurde er von Dale Crover am Schlagzeug ersetzt. Die Proben der Band fanden von nun an in Crovers Elternhaus in Aberdeen statt. Wenig später fingen die Melvins an, auch langsamere Lieder zu spielen. Das Resultat war eine Mischung aus Punkrock à la Flipper und Black Flag, Heavy Metal wie Black Sabbath's "Master Of Reality" und 70er Jahre Hard Rock im Stile von Kiss und Alice Cooper. Kurt Cobain, ein guter Freund von Dale Crover, war ein grosser Melvins-Fan und half der Band ein paar Mal beim Transport ihrer Ausrüstung. Cobain versuchte auch, sich der Band als Gitarrist anzuschliessen, scheiterte allerdings, weil er beim Vorspielen so nervös war, dass er alle Lieder vergass. Die Melvins waren 1985 zusammen mit Green River, Skin Yard, Malfunkshun, Soundgarden und den U-Men auf C/Z Records' "Deep Six"-Sampler zu hören und legten somit den Grundstein für das, was später als Grunge bezeichnet werden sollte. C/Z veröffentlichte auch 1986 die erste Melvins-EP: "Six Songs", die im Jahre 1990 als "10 Songs" wiederveröffentlicht werden sollte. Im Dezember 1986 nahm die Band ihr Debütalbum "Gluey Porch Treatments" auf, das 1987 auf Alchemy Records erschien.

Am 23. Januar 1988 half Crover bei Cobain's Band Nirvana während deren ersten Studio-Aufnahmen am Schlagzeug aus und spielte einen Auftritt mit Nirvana noch am selben Tag. Später im Jahre 1988 siedelten Osborne und Crover nach San Francisco um. Lukin blieb in Washington und gründete die Band Mudhoney, er wurde durch Shirley Temple's Tochter Lori 'Lorax' Black am Bass ersetzt. Im Mai 1989 wurde das zweite Album "Ozma" aufgenommen, das durch Boner Records noch im selben Jahr veröffentlicht wurde. "Ozma" wurde von Mark Deutrom produziert, der später auch Mitglied der Band werden sollte. Da Nirvana 1990 keinen festen Schlagzeuger hatten, sprang Crover für eine kurze Tour an der amerikanischen Westküste mit Sonic Youth wieder bei seinen alten Freunden ein. Glücklicherweise gab Osborne die Telefonnummer von Krist Novoselic an seinen guten Bekannten Dave Grohl, der nach der Auflösung von Scream arbeitslos geworden war. Nach den Arbeiten am Album "Bullhead" gingen die Melvins auf Europa-Tournee. Ihr Auftritt in Alzey am 23. Januar 1991 wurde von Produzent Tobby Holzinger auf dem deutschen Indielabel Your Choice Records veröffentlicht. Wieder zuhause angekommen wurde mit "Eggnog" noch eine kurze EP aufgenommen und veröffentlicht.

Lori Black verliess die Band und wurde durch Joe Preston ersetzt. Preston war auf "Salad Of A Thousand Delights" (1992, Box Dog Video) zu sehen, er hatte seine eigene, durch Kiss inspirierte Solo-EP (King Buzzo, Dale Crover und Joe Preston, alle 1992 Boner Records) und spielte auf "Lysol". Die EP "Lysol" wurde später in Melvins umbenannt, da der Produktname ohne Erlaubnis benutzt wurde und Band sowie Label rechtliche Schritte verhindern wollten. Es existierten drei Versionen der EP: die unveränderte Originalausgabe, die Originalausgabe mit schwarz abgeklebtem Lysol-Schriftzug und die Melvins-Version. Preston's Tage bei den Melvins waren bald darauf gezählt, Lori Black wurde als Bassistin auf dem von Kurt Cobain mitproduzierten Major Label-Debüt "Houdini", das im Jahre 1993 bei Atlantic Records erschien, erwähnt, laut Buzz Osborne hatten jedoch er und Dale Crover die meisten Bassparts eingespielt. Nach den Aufnahmen verliess Black die Band endgültig. Bass spielte von nun an Mark Deutrom. 1994 brachten die Melvins zwei Alben heraus: "Prick" auf Amphetamine Reptile Records und "Stoner Witch", das bei Atlantic Records erschien. Nach langen Tourneen, unter anderem gemeinsam mit Nirvana, den Nine Inch Nails, Rob Zombie und Kiss wurde 1996 mit "Stag" das letzte Album der später (von Atlantic) sogenannten 'Atlantic-Ära' veröffentlicht. Da die Musik der Melvins nicht gerade massenkompatibel war, wurden sie 1997 von Atlantic Records wegen Erfolglosigkeit fallen gelassen. Noch im selben Jahr erschienen mit "Singles 1-12" ein Sampler von 12 Singles. 1998 folgte mit "Alive At The F*ckerclub" ein Live-Album, das während der Australien-Tournee von 1997 in Richmond Melbourne entstand.

1999 begann die Zusammenarbeit mit Mike Pattons Ipecac Recordings, das 1999 die ersten beiden Teile der sogenannten 'Trilogie des Wahnsinns', bestehend aus den Alben "The Maggot" (1999), "The Bootlicker" (1999) und "The Crybaby" (2000), veröffentlichte. "The Crybaby" überraschte dabei mit vielen Gastmusikern, wie zum Beispiel von der Band Tool oder Hank Williams III. 2001 erschien dann ein wunderbares Werk der Melvins, das einige Ueberraschungen bot, wie man sie sich von den Melvins zwar gewohnt war, doch die Auswahl verblüffte. Neben einem Coversong der Wipers ("Youth Of America"), von dem viele Musikfans behaupteten, es wäre um Längen besser als das Original von Greg Sage und seinen Musikern, präsentierten die Melvins auch eine fast 10 Minuten lange Pink Floyd-Adaption des Titel "Interstellar Overdrive" vom Frühwerk "The Piper At The Gates Of Dawn". Der brilliant in Szene gesetzte Psychedelik-Rocksong verblüffte dabei mit einem harten und trocken arrangierten Beat, der dem Titel trotzdem seine urwüchsige Psychedelik von Syd Barrett nicht nahm und somit beide Welten perfekt abbildete: Der Psychedelikrock der ausgehenden 60er Jahre und der harte Punk Rock der 90er Jahre. "Electroretard" war eines der zugänglichsten Werke der Melvins, betrachtet man das Songmaterial. Das von Frank Kozik designete Cover-Artwork war typisch für die Melvins. Kozik lieferte auch immer wieder Cover Artworks für die Punk- und Grunge-Bands der damaligen Zeit, so etwa für Nirvana, Speacmen 3, Iggy & The Stooges, Kyuss oder Orange Goblin, nebst zahlreichen weiterne Bands und Musikern aus den verschiedensten musikalischen Bereichen.


Schon der Opener des Albums "Electroretard" mit dem Titel "Shit Storm" war Krach in seiner schönsten Form, doch danach dominierte über weite Strecken ein fetter, donnernder Space-Rock mit mächtigen Gitarren, entrückten Gesangslinien und zahlreichen noisigen Spielereien. Stilistisch irgendwo zwischen Primus und härteren Hawkwind angesiedelt, groovten die Melvins mal überraschend melodisch, mal gewohnt nervenbelastend durch einen abwechslungsreichen Set, der sogar den einen oder anderen Trash-Hit abwarf. Endgültig zur Höchstform lief die Band allerdings beim abschliessenden "Interstellar Overdrive" auf, wo diverse Pink Floyd-Riffs und -Sounds (unter anderem aus deren Stück "Corporal Clegg") zu einem grandiosen Science Fiction-Epos aufgebauscht wurden. Veröffentlichungen auf Frank Koziks Man’s-Ruin-Label hatten oft den Charakter des Intermezzo, erschienen zwischen den Hauptwerken, waren oft hingehuscht oder unbehauen. Und bei den Melvins fiel ja ohnehin zwischendurch immer mal wieder Ergötzliches ab, das sie dann auf Singles in Serie servierten oder eben wie beim Album "Electroretard" als einigermassen krude, dafür umso überraschende und begeisternde Zwischenmahlzeit kredenzten.

Die tiefe Verneigung vor den Wipers ("Youth Of America") stand dabei neben schrulligen, unterschwellig elektronisierten Versionen von "Revolve", "Tipping The Lion B" und "Lovely Butterflies"; auch "Gluey Porch Treatment" wurde rüde inszeniert, und ein apokalyptischer "Shit Storm" eröffnete diesen heiteren Reigen, der mit "Interstellar Overdrive" schliesslich seinen Hawkwind-inspirierten Abschluss fand. Ob die Melvins nach der konzeptionell einigermassen hanebüchenen, wenngleich natürlich musikalisch exzeptionellen und wie immer vergnüglichen Trilogie auf Mike Patton's Ipecac-Label überhaupt noch so etwas wie einen Masterplan hatten, darüber liess sich hier nur spekulieren. "Electroretard" war jedenfalls ein ebenso willkommener, wie überraschender und unberechenbarer Wegbegleiter zu Beginn der 00er Jahre.

Am 13. März 2012 veröffentlichten die Melvins die fünf Titel umfassende EP "The Bulls & The Bees", diese wurde kostenlos als Download über die Webseite des Labels Scion A/V vertrieben. Oft wird versucht, die Musik der Melvins in Schubladen wie unter anderem Grunge, Doom Metal oder Stoner Rock zu legen. Da nur wenige Aspekte der Melvins sich auf diese Genres beziehen lassen, obwohl die Band zweifellos Einfluss auf Künstler dieser Genres hatte, befinden sich die Melvins in ihrer eigenen kleinen Nische der Rockmusik. Kennzeichnend ist dabei vor allem ein extrem langsames Tempo, in dem eine Vielzahl der Melvins-Stücke gehalten sind, sowie eine nicht selten ins Groteske gesteigerte Experimentierfreude. So bestehen teilweise lange Passagen, zuweilen auch ganze Alben aus Drone-/Feedback-Sounds, beziehungsweise unmusikalischen Geräuschszenarien.



Nov 10, 2017


JOHN MARTYN - Grace & Danger (Island Records ILPS 9560, 1980)

John Martyn, Träger des Order Of The British Empire 'OBE', geboren am 11. September 1948 als Ian David McGeachy in New Malden Surrey, gestorben am 29. Januar 2009 in Irland, war einer der populärsten britischen Folkrock -Musiker. Er vereinigte in seiner Musik allerdings verschiedene Stilarten zu einem neuen Ganzen, er war ein elektrisierender Gitarrist und Sänger, dessen Musik die Grenzen zwischen Folk, Jazz, Rock und Blues verschwimmen liess. John Martyn, ein Einzelkind, verbrachte seine frühe Kindheit in London. Martyns Eltern, beide Opernsänger, liessen sich scheiden, als er fünf Jahre alt war, und er zog zu seiner Grossmutter nach Glasgow. Mit 15 Jahren begann er Gitarre zu spielen, zunächst unter der Anleitung von Hamish Imlach, einem traditionellen schottischen Sänger, bei dessen Shows er als Gastmusiker auftrat. Mit 17 begann er mit Soloauftritten in Schottland, ein Jahr später zog er nach London, wo er in Folk-Clubs auftrat.

1967 bekam Martyn einen Vertrag bei Island Records und nahm seine erste Platte "London Conversation" auf, seine zweite Platte "The Tumbler" aus dem Jahre 1968 wurde von Al Stewart produziert. Seine Musik war zu dieser Zeit sehr von Davey Graham beeinflusst, der eine Mischung von Jazz, Folk, Blues und verschiedenen anderen Musikrichtungen spielte. Er beschäftigte sich jedoch zunehmend mit irischer und indischer Musik sowie mit dem späten John Coltrane, und begann mit Experimenten auf der elektrischen Gitarre. 1969 lernte er die Sängerin Beverley Kutner kennen, die beiden heirateten. Sie traten zusammen auf und nahmen 1970 ihre erste gemeinsame Platte "Stormbringer" auf. Martyn suchte weiterhin einen eigenen Gitarrenstil und führte auf "Stormbringer" das Echoplex ein, ein analoges Delay, das in seiner weiteren Karriere vor allem in den 70er Jahren ein Markenzeichen seiner Musik wurde. Martyn adoptierte Wesley, den zweijährigen Sohn Beverlyes, und 1971 wurde ihre Tochter Mhairi geboren. Schon bei der Veröffentlichung ihres zweiten Albums "The Road To Ruin" im Jahre 1970 wurde allerdings klar, dass ihre musikalischen Ziele nicht übereinstimmten. John war mit konventioneller Musik nicht zufrieden und suchte nach einem freieren Stil abseits des Mainstreams.

Beverley Martyn, 1947 bei Coventry geboren, veröffentlichte ihre erste Single im Jahre 1965 mit der Jug Band The Levee Breakers. Es folgten einige Solo-Singles unter ihrem Vornamen. Sie lernte Paul Simon kennen, mit dem sie nach New York ging. Sie war zu hören im Simon & Garfunkel-Song "Faking It" auf deren Album "Bookends" von 1968, wo sie sagte: "Good morning, Mr Leitch, have you had a busy day". Am 16. Juni 1967 trat sie beim Monterey Pop Festival auf, ebenso wie Simon & Garfunkel. 1969 traf sie John Martyn, es folgten die wenigen gemeinsamen Jahre. Beverley Martyn zog sich nach der Scheidung aus dem Musikgeschäft zunächst zurück. In den 90er Jahren wagte sie jedoch ein Comeback. Sie ging mit Loudon Wainwright III auf Tour. 1998 erschien ihr Album "No Frills". 2004 wurde ihr Song "Primrose Hill" von Fat Boy Slim für seinen Titel "North West Three" auf dem Album "Palookaville" gesampelt. Im Laufe ihrer musikalischen Karriere hatte Beverley Martyn mit zahlreichen Künstlern zusammengearbeitet, darunter Levon Helm, Jimmy Page, Dave Pegg, Richard Thompson, John Renbourn, Ralph McTell, Davy Graham und Sandy Denny. Sie war zu sehen auf dem Cover des Albums "It Don’t Bother Me" von Bert Jansch, der ihr in den 60er Jahren das Gitarrenspielen beigebracht hatte. Sie war befreundet mit Nick Drake, der zeitweise als Babysitter half. Mit ihm schrieb sie den Song "Reckless Jane".

John Martyn's nächstes Soloalbum "Bless The Weather" aus dem Jahre 1971 wurde in drei Tagen im Studio aufgenommen. Viele der Songs zeigten die typische Spielweise Martyns, die perkussive Spielelemente und Zupftechniken der akustischen Gitarre mit einem Gesang verbanden, der eher einem Instrument als einer Stimme glich. Auf diesem Album spielte der Kontrabassist Danny Thompson das erste Mal mit Martyn zusammen, der ihn während seiner gesamten Karriere immer wieder begleiten sollte. Martyn experimentierte auf diesem Album mit Tape-Loops, einem Effekt, den er auch später noch lange einsetzte. Das Album "Solid Air" aus dem Jahre 1973 setzte den begonnenen Kurs fort, wenn auch die Stimmung insgesamt düsterer war als die des vorhergehenden Albums. Typisch für diese Stimmung war der Song "Solid Air", der seinem kurz darauf verstorbenen Freund Nick Drake gewidmet war. Ein Gegenpol zu dieser Stimmung war "May You Never", das später von Eric Clapton auf dessen Album "Slowhand" gecovert und zu einem grossen Hit wurde. Zusammen mit "Bless the Weather" galt "Solid Air" als das Meisterstück Martyns.


Mit dem nächsten Album "Inside Out" begann John Martyn 1973, die vorher verfolgte Linie schöner Melodien und Klänge zu verlassen. Seine Musik wurde wütender und rauher, die Stimme wurde immer mehr als Instrument eingesetzt. Martyn begründete diesen Wechsel damit, dass er eigentlich keine so nette Person sei, und wandte sich bewusst vom Image des netten Troubadours ab: "I’m not really that nice, and I very consciously turned away from all that". Er setzte vermehrt Effektgeräte zusammen mit seiner Stahlsaitengitarre ein, und wechselte zwischen Soloauftritten und dem Zusammenspiel mit Danny Thompson ab. 1974 nahm er das im Folgejahr veröffentlichte Album "Sunday's Child" auf, danach wurde es in Bezug auf Veröffentlichungen drei Jahre still um ihn. In dieser Zeit tourte er viel und versuchte, ein selbstproduziertes Live-Album von zu Hause zu vertreiben, das von Island Records nicht angenommen worden war. 1976 nahm er eine Auszeit, unter anderem auch, um seine zunehmenden Alkohol- und Drogenprobleme zu kurieren und verbrachte vier Monate auf Jamaika. Nach seiner Rückkehr 1977 veröffentlichte er das Album "One World", ein fast minimalistisches, jazziges Album, auf dem seine Stimme einmal mehr eher als Instrument denn als Gesang eingesetzt wurde und bei dem unter anderem auch Steve Winwood mitwirkte.

Die Musik dieses Albums ging einen Schritt zurück auf die nicht so rauhe und wütende Seite, eine Entwicklung, die er mit seinem Album "Grace And Danger" jedoch 1980 erneut komplett zurücknahm. Dieses Album war die Verarbeitung seiner schmerzlichen Scheidung von Beverley, eine wütende Widerspiegelung der Auseinandersetzung mit der Trennung. Aus dieser dunklen Stimmung ragte insbesondere der Song "Sweet Little Mystery" heraus, ein leichtes, ohrwurmartiges Lied, das an die Stimmung der beiden Alben "Bless The Weather" und "Solid Air" anknüpfte. Phil Collins, der sich in dieser Zeit ebenfalls von seiner Frau trennte, wirkte an dem Album mit. John Martyn begann wieder stark zu trinken und umschrieb diese Phase später so: "You name it, I soaked myself in it. It was a dark period in my life". Martyn spielte kaum noch akustische Gitarre, sondern fast ausschliesslich elektrisch, was viele seiner altgedienten Fans verstörte. "Grace And Danger" kann man letztlich alsdas emotionalste Album von John Martyn bezeichnen, mithin es auch das Unprätenziöseste des fragilen Musikers blieb. Hier standen letztlich persönliche Erfahrungen, Brüche und Schicksale im klaren Vordergrund. Die Musik setzte er lediglich als Vehikel für seine Emotionalität ein. Durch die Zusammenarbeit mit Phil Collins geriet dieses Album zu einem fabelhaften Statement und zu einem Unikum im Schaffenswerk des Musikers: Nie zuvor und auch danach nicht klang John Martyn bei all seiner destruktiven Gedankenwelt positiver. Es war bemerkenswert, dass sein an sich traurigstes Album irgendwie am hoffnungsfrohesten klang.

Phil Collins produzierte danach John Martyn, der Island Records 1980 für einen Vertrag bei Warner Brothers verlassen hatte. Sie veröffentlichten gemeinsam im Jahre 1981 das Album "Glorious Fool", auf dem Phil Collins erneut Schlagzeug und Eric Clapton in einem Song Gitarre spielte. Das Album war kommerziell recht erfolgreich und erreichte Platz 25 in den Charts. Das nachfolgende 1982er Album "Well Kept Secret", ebenfalls mit Phil Collins produziert, war sehr Pop-orientiert und wiederum sehr erfolgreich, denn es erreichte die Top 20. John Martyn zog danach nach Schottland und heiratete Annie Furlong. 1983 gab er, zu dieser Zeit ohne Plattenvertrag, das Live-Album "Philentrophy" auf seinem eigenen Musiklabel Body Swerve heraus, das auf einer Reihe von Auftritten in den Jahren 1982 und 1983 aufgenommen wurde und die charakteristische Spielweise und den Gesang John Martyns einfing. Die Produktion des im nfolgendenn Jahr herausgegebenen Albums "Sapphire" war wegen Missverständnissen zwischen John Martyn und dem Produzenten sehr schwierig. In den nächsten Jahren erschienen einige Kompilationen von Island Records, bei dem John Martyn wieder unter Vertrag stand, und 1986 das Album "Piece By Piece", auf dem er erneut mit dem Einsatz seiner Stimme experimentierte. Sein nächstes Album, das 1987 erschienene, live aufgenommene "Foundations", zeigte Martyn wieder mehr in altem Stil, indem er neben drei neuen Songs einige seiner älteren Favoriten wie "May You Never" überarbeitete, der Song, den inzwischen durch den Erfolg in der Version von Eric Clapton, Millionen von Musikfans kannten.

Nachdem sein Entwurf für ein neues Album 1988 von Island Records abgelehnt wurde, verliess er das Label und unterschrieb nach zwei Jahren mit einer Reihe von Auftritten einen Vertrag bei Permanent Records. Hier erschien 1990 das Album "The Apprentice". Neben dem mittlerweile bei John Martyn üblichen Einsatz der elektrischen Gitarre, dem Einsatz von Synthesizern und Ausflügen in den Disco-Beat griff er in dem Stück "Patterns In The Rain" nach langer Zeit wieder zur akustischen Gitarre. Auf dem nächsten Album "Cooltide" von 1991 verzichtete er weitgehend auf den Einsatz von Synthesizern. 1992 erschien "BBC Radio 1 Live in Concert", ein Live-Mitschnitt eines Konzerts in Glastonbury aus dem Jahre 1986. Das Album erhielt gute Kritiken, es zeigte John Martyns Fähigkeiten als exzellenter Gitarrist und seinen souveränen Umgang mit Effektgeräten. Im selben Jahr brachte Permanent Records gegen den Willen von Martyn das Album "Couldn’t Love You More" heraus, das der Künstler als überproduziert bezeichnete, und dem er im nächsten Jahr das Album "No Little Boy" entgegensetzte: mit den gleichen Titeln, aber vollständig unter der Regie von John Martyn produziert. Infolge des damit verbundenen Streits verliess Martyn das Label.

In den nächsten Jahren erschienen einige weitere Kompilationenn darunter die "Island Anthology" von 1994, die einen grossen Teil seiner Karriere abdeckte, und Live-Aufnahmen, bei denen unter anderem David Gilmour von Pink Floyd mitwirkte. Martyn schlug sich mit seiner Gesundheit, dem Tod seiner Frau Annie und anderen Problemen herum, sodass er erst 1996 sein nächstes Album mit neuem Material herausbrachte. Musikalisch ging er neue Wege und verwendete Samples und Trip Hop-Stilelemente. Als Gastmusiker traten Phil Collins und John Giblin auf. Auch sein nächstes Album, "The Church With One Bell" von 1998, war ungewöhnlich für ihn, da es nur Coverversionen von Liedern anderer Künstler enthielt. Martyn prägte den Stücken jedoch seine unverwechselbare Handschrift auf, und das Album war vor allem in den USA ein Erfolg: Martyn konnte die neben seiner bisherigen Wohnung gelegene namensgebende Kirche kaufen, in der er seitdem mit seiner Partnerin Teresa Walsh lebte. Auf Anregung von Phil Collins änderte John Martyn seine Herangehensweise an das Schreiben von neuen Stücken. Er lernte Keyboard und benutzte dieses Instrument anstatt seiner Gitarre zum Komponieren. Im Jahre 2000 veröffentlichte er das so erarbeitete Album "Glasgow Walker", das eine Reihe von melancholischen und sanften Stücken enthielt und von den Kritikern gut aufgenommen wurde.

In den nächsten Jahren wurde eine ganze Reihe von Konzertmitschnitten und Kompilationen veröffentlicht. John Martyn kämpfte in dieser Zeit mit gesundheitlichen Problemen, und im Jahr 2003 wurde ihm wegen einer Zyste ein Bein amputiert, sodass er nur noch im Rollstuhl auftreten konnte. Erst 2004 kam mit "On The Cobbles" ein Album mit neuem Material heraus, das in verschiedenen Studios vorwiegend mit akustischen Instrumenten aufgenommen wurde. Abgesehen von einer Reihe weiterer Zusammenstellungen und Live-Mitschnitten blieb dies John Martyns letztes Album zu Lebzeiten. Vor seinem Tod hatte er mit den Arbeiten an einem neuen Album begonnen. Dieses wurde nach seinem Tod von beteiligten Musikern fertiggestellt und erschien 2011 unter dem Titel "Heaven And Earth". Im Dezember 2008 wurde John Martyn durch Königin Elisabeth II. zum 'Officer of the Order of the British Empire ernannt'. Er verstarb im Januar 2009 im Alter von 60 Jahren durch eine doppelseitige Lungenentzündung in einem Krankenhaus in Irland.