Jun 11, 2016


BOB DYLAN - Infidels (Columbia Records QC 38819, 1983)

Rund drei Jahre lang war Bob Dylan der 'Neighborhood Bully', der Störenfried von nebenan. Durch seinen Übertritt zum Christentum verwirrte, verärgerte und enttäuschte der Künstler viele seiner Fans. Die konnten ab Oktober 1983 endlich wieder aufatmen. Dylan war back on earth und "Infidels" ein regelrechtes Comeback. Diese Einschätzung hielt sich aber nicht lange. Nachdem die erste Erleichterung darüber, dass der Musiker der Welt nicht mehr mit weiteren Bekenntnisliedern auf den Zeiger geht, verpufft war, verschlechterte sich bei vielen auch sukzessive die Einschätzung der Qualität der Platte. Und dann verteidigte er auf einem Song auch noch Israel! Das ging den liberalen und linken Fans, und auch den Kritikern dann doch wieder auf den Zeiger.

"Infidels" beginnt mit "Jokerman", einem absoluten Top Titel. Der Song hat einen tollen, sehr einnehmenden Groove: Lässig entspannt, dabei aber vorwärts treibend. Des Meisters Gesang ist hier fantastisch, ein Beispiel für Dylans Kunst der Phrasierung. Der erste Teil der letzten Strophe ist mir nahezu jedes mal eine Quelle der Freude. Der Text wirkt geheimnisvoll, mythisch, eine unglaubliche Flut von Bildern. Aber wer ist der Jokerman ? Ich weiss es nicht und stehe damit nicht allein. Es gibt unzählige Ansätze, man diskutiert über Jesus, einen Heiligen, den Teufel oder über mythische Gestalten. Ich denke, dass der Song von einem Menschen handelt, treibend zwischen Traum und Realität, zwischen Himmel und Erde, vielleicht vom Himmel gefallen; so wie die beiden Helden aus Salman Rushdie's "Satanischen Versen". Vielleicht ist der "Jokermann" der Narr, ein Clown, vielleicht die Projektion unserer Vorstellungen, Wünsche oder Werte. Ein Text, den ich ( vielleicht ähnlich wie das von mir ebenfalls sehr geschätzte "Changing Of The Guards" ) nicht grösstenteils entschlüsseln kann, der mich aber immer wieder beschäftigt, anspricht und oft begeistert. 

"Sweetheart Like You" ist ein mitfühlender Song, der allerdings auch immer wieder die unbequeme Frage stellt, wie man/sie nur hier reingeraten sei. Könnte auch ein Plot für einen Film sein. Die letzte Strophe kann vielleicht auch als Kritik am damaligen US-Präsidenten Reagan verstanden werden: Der Lump, der sich dem Patriotismus zuwendet. Das Bild von der Frau, die zuhause ihren Platz hat, mag damals wie heute viele befremden, ich sehe dies aber nicht so. "At Home" steht für mich hier für das Heim, die Heimat im Sinne von Geborgenheit und Sicherheit. Draussen ist nicht der Platz, wo Du Dein Leben leben kannst.

"Neighborhood Bully" wurde von nicht wenigen als plumpe Verteidigung der gewalttätigen Politik Israels gesehen. Dylan hat dies bestritten. Ich denke, dass man den Text sehr wohl auf Israel beziehen kann, nur sehe ich darin nichts, was falsch wäre. Ist es nicht seit 1948 unverändert so, dass Israel von allen Seiten von mehr oder weniger offenen Feinden umzingelt ist und die meisten Herrscher nur zu gerne dem Ruf der arabischen Strasse nachgeben würden ? Vielleicht ändert sich ja hier etwas durch die aktuellen politischen Umwälzungen in der arabischen Welt. Ich bin da jedoch sehr skeptisch, daher ist der Text für mich immer noch sehr aktuell. Musikalisch ist der Song ein Rocker mit Stones-artigem Riff.

"License To Kill", ein feiner kleiner Song mir gutem Text, eine gute Charakterisierung des Menschen. Möglicherweise empfinden manche den gedruckten Text als tendenziell zu moralisch negativ bewertend. Dylan's Gesang fügt dann aber noch andere Nuancen hinzu. In ähnlich moralisierendem Ton geht es mit "Man Of Peace" und "Union Sundown" weiter. Manche Kommentatoren hatten bei "Man Of Peace" Probleme mit Aussagen wie "good intentions can be evil". Ich finde Dylan's Aussagen verständlich und leider auch häufig zutreffend. Bisweilen wirkt der Song auch ein wenig rachsüchtig. Überhaupt wurde ihm zu dieser Zeit häufig der Vorwurf gemacht, er sei ein rachsüchtiger Hinterwäldler mit pessimistischer Weltsicht und kruden Glaubensvorstellungen. Dylan entgegnete, dass er seine Weltsicht eher als realistisch betrachte und Frieden nur der Moment sei, das Gewehr nachzuladen. "Union Sundown" verstehe ich als Kritik am Spät-Kapitalismus, der als Bumerang wiederkehrt und nun auch seine Verfechter heimsucht. Ein weiterer Rocker, dessen Text bis zum heutigen Tag nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat.

"I And I", auch ein rätselhaftes Lied: Ein Reggae, eine feine musikalische Arbeit wie so vieles auf dieser Platte. Die perfekte jamaikanische Rhythm Section Sly & Robbie, Mark Knopfler, Dylan und die anderen Musiker haben hier erstklassige Arbeit geleistet. Der Text scheint sehr persönlich zu sein, allerdings auch künstlerisch und bildhaft, so dass sich einfache Erklärungen nicht anbieten. Der Sänger betrachtet verschiedene Szenen, geht weiter, selbstbestimmt. Abschliessend folgt "Don`t Fall Apart On Me Tonight". Der Song klingt am wenigsten grüblerisch, hört sich positiv, glücklich und optimistisch an. Zuversicht, sie wird ihn schon nicht verlassen.

"A job half done" äusserte der Dire Straits Gitarrist Mark Knopfler später über die Platte. Viele Kritiker stimmten ihm zu, da Dylan doch nicht (wie zuerst gedacht) religiöser Moral oder biblischen Anspielungen den Rücken zugewandt hatte; er ihrer Ansicht nach Halbgares wie "Man Of Peace", "Neighborhood Bully" und "Union Sundown" auf die Scheibe nahm, dafür aber "Tell Me", "Lord Protect My Child", "Foot Of Pride", "Someone`s Got A Hold Of My Heart" und das wundervolle "Blind Willie McTell" bis 1991 zurückhielt. Die genannten Songs hätten "Infidels" zweifelsohne noch besser gemacht, sie sind wirklich hervorragend. Da ich aber die drei häufig kritisierten Lieder schätze und mag, gab und gibt es für mich keinerlei Grund, sie wegzulassen.

Dylan war weiterhin gläubig (Interviews aus dem Jahr 1984 sind da deutlich; biblische Anspielungen sind offensichtlich), er war weiter in nicht mainstream-tauglicher Manier moralisch (die Songs sprechen da eine eindeutige Sprache, Dylan war/ist geprägt von jüdisch-christlichen Werten; Rettung/Erlösung/Hoffnung erwartet er nicht aus des Menschen Hand) und er verwirrte, verärgerte und enttäuschte weiter Fans und Kritiker. Nach zwei hundertprozentigen christlichen Bekenntnis-Platten und einer zumindest halb christlich/halb weltlichen Platte nannte er sein Album "Infidels" (Ungläubige) und posierte vor der Altstadt von Jerusalem. Sofort hiess es, dass Dylan zu seinen jüdischen Wurzeln zurückgekehrt sei, und er bei einer konservativen jüdischen Gruppierung ein und aus gehe. Auf die Frage, warum er das Album denn so nenne, gab er zum Besten, dass er es auch "Animals" nennen könne und alle Welt würde sich fragen, was denn das zu bedeuten habe.

Die beiden Fotos stammen aus dem Jahr 1982, aufgenommen im Rahmen der Bar Mitzwa seines jüngsten Sohnes. Lässt ein wiedergeborener Christ seinen 13-jährigen Sohn durch einen Übergangsritus nach jüdischem Recht in die Religionsmündigkeit, also die Verantwortung für die Einhaltung und Beachtung der jüdischen Gebote, einführen ? Also weiterhin der Störenfried von nebenan, der nicht den Helden der 60er Jahre (er hält Frieden für eine Illusion und Woodstock für einen Markt für bunte T-Shirts) spielt, der nicht mit Joan Baez zusammen auf der Bühne die Nostalgiesucht bedient und der nicht die Fragen seiner Fans, Kritiker oder Jünger beantwortet, sondern das macht, was er immer macht, immer schon gemacht hat: Musik und seinen eigenen Weg gehen. Und genau dafür schätze ich ihn. "Infidels" gehört für mich zu seinen besten Platten.





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