Nov 22, 2017


JIMI HENDRIX - First Rays Of The New Rising Sun
(MCA Records MCA2-11599, 1997 - Originalaufnahmen von 1968-1970)

Gross, laut und musikalisch sehr bunt sollte es werden, das fünfte Studioalbum von Jimi Hendrix. Sogar einen Namen hatte es schon: "First Rays Of The New Rising Sun". Doch dann kam der 18. September 1970, und der Traum war ausgeträumt. Jimi Hendrix starb nach exzessivem Alkoholgenuss und der Einnahme von zu viel Schlaftabletten an seinem eigenen Erbrochenen. In den Jahren danach wurde mit allem, was Jimi Hendrix jemals gesungen, gespielt, gesagt, geschrieben, getragen oder berührt hatte, auf alle möglichen (Un-)Arten Geld gescheffelt. Natürlich auch mit den bereits fertig produzierten Stücken für das von dem Musiker als Doppelalbum geplante "First Rays Of The New Rising Sun". Auf jeder schlampig gemachten Hit-Zusammenstellung tauchte der eine oder andere Song dann später auf, leider vollständig aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgerissen versteht sich. Fast genau 27 Jahre nach Jimi Hendrix' Tod, sollte das Werk dann doch noch erscheinen: Die Plattenfirma Universal Records überspielte seine vier regulären, zu Lebzeiten entstandenen Alben von den Original Master-Bändern auf CD, überarbeitete sie digital und erreichte dadurch eine Qualität, die fast schon einer Neueinspielung gleichkam. Dasselbe geschah mit den Songs von "First Rays Of The New Rising Sun", die dann erstmals alle auf einem Album versammelt waren. Ob Jimi Hendrix sich sein Werk so vorgestellt hatte, war letztlich eine andere Frage, denn manche der 17 Songs klangen noch irgendwie unfertig. Auf der Haben-Seite standen dagegen schöne Balladen wie etwa "Angel" oder "Drifting", rhythmisch durchaus sehr anmachende Funk-Stücke wie "Ezy Ryder" und "Dolly Dagger", sowie ein sehr informatives Booklet.

Der Titel des als Hendrix-Album Nummer 4 geplanten “First Rays Of The New Rising Sun” war auf jeden Fall sehr metaphorisch zu sehen: 1969, nach nur drei Jahren bereits auf dem Gipfel seiner künstlerischen Laufbahn angekommen, blickte der ruhelose und dauerinspirierte Jimi Hendrix um sich und stellte fest, dass er bereits erreicht hatte, was man als Musiker erreichen konnte: er war einer der gefeiertsten Rockstars der Welt geworden mit Auftritten auf dem Woodstock Festival und höchsten Chartplatzierungen, er hatte jegliche finanzielle und künstlerische Eigenständigkeit erlangt, die nur denkbar war. Danach konnte eigentlich nur noch eine radikale Neuerfindung dieses visionären Künstlers folgen, und diese ersten 17 Strahlen einer neu aufgehenden Sonne enthielt dieses posthum kompilierte Album durchaus.

Der ebenso begnadete wie revolutionäre Gitarrist, der seiner Zeit weit voraus war experimentierte auf den hier veröffentlichten Songs hörbar mit mehrschichtigen Gitarren, funkigen Beats, Percussions und generell frischem Musikerblut - unter anderem mit dem Bassisten Billy Cox, der dem typischen Hendrix-Vibe eine erdige, bluesige Note verlieh. Neben Stücken, die eindeutig als Experience-Songs durchgingen, wie etwa das sehr schöne, balladeske "Angel" oder das countryartige "Night Bird Flying", überraschte Jimi Hendrix allerdings auch mit Kompositionen, welche die blumigen, psychedelischen 70er-Jahre vorwegnahmen, nachzuhören etwa im Song "Hey Baby". "Dolly Dagger" oder "Izabella" gerieten zu Musterbeispielen für verspielten Funkrock mit griffigen Hooks, "Ezy Rider" offenkundig am Rock’n’Roll der 50er Jahre angelehnt. Eine weitere Perle war "My Friend", ein verrauchter Blues Jam mit Freunden, der eigentlich gar nicht in den Fluss des Albums passte, und das Haupt-Riff von "In From The Storm": Diese beiden Titel hatten Black Sabbath zu ihrer Gründungszeit bestimmt auch gekannt.

Gerade zu Ende dieser Albumzusammenstellung konnte man den Eindruck gewinnen, dass der unbändige Wille zu Experimenten in alle Richtungen dem Werk "First Rays Of The New Rising Sun" tatsächlich den Albumcharakter nehmen könnte. Was auf "Electric Ladyland" immer zusammengehörig klang, wirkte hier vereinzelt wie ein Sich-Verlieren in Möglichkeiten, in blossen Optionen, die alle richtig und sinnvoll schienen, Hendrix aber in seinem kreativen Überfluss deutlich desorientiert zeigten. Diese Tendenz setzte sich auch in seinem Leben fort, wie sich später herausstellen sollte, und war vielleicht der Grund, warum dies hier die letzten Aufnahmen dieses grossen Musikers waren. Was "First Rays Of The New Rising Sun" dann doch letztlich zusammenhielt, war einmal mehr die einzigartige Art und Weise dieses Musikers, einer Gitarre die - wie man es sich von dem brillianten Genie bereits gewohnt war - unwahrscheinlichsten Töne in allen Nuancen zu entlocken. Das machte die Platte zu einem so feinfühlig wie möglich zusammengestellten Sammelsurium von Songs solider bis grossartiger Qualität und verschiedenartiger Ausprägungen von Rock, aus dem man sich einer Jukebox gleich herauspicken musste, was man an Hendrix mochte. Es war genug für alle da.

Als Jimi Hendrix dann völlig überraschend mit 27 Jahren starb, war das als Doppelalbum geplante Werk "First Rays Of The New Rising Sun" noch nicht ganz fertig - die meisten Songs dafür allerdings schon. Als der erste Schwung übriggebliebener Archivsongs unter dem Albumtitel "The Cry of Love" mehr als eine Million Käufer fand, warf die Plattenfrima mit "Rainbow Bridge", "War Heroes" und "Loose Ends" weitere Sätze in leider stetig absteigender Qualität nach. Schliesslich folgten noch die umstrittenen "Crash Landing" und "Midnight Lightning" mit fragwürdigen Overdubs und die zusammengeschnipselte, auch nicht ansprechendere Jam-Sammlung "Nine To The Universe". Spätestens mit den drei letztgenannten Alben legte sich Produzent Alan Douglas mit den Hendrix-Erben an, die lieber den Originalproduzenten Eddie Kramer als Nachlassverwalter installiert gehabt hätten. Schlussendlich legten sowohl Douglas als auch Kramer je eine komplette Rekonstruktion des unveröffentlichten Doppelalbums vor. Douglas' Version erschien als "Voodoo Soup" und erzielte einen Achtungserfolg, Kramer's Version "First Rays Of The New Rising Sun" wurde jedoch von den Hendrix-Erben autorisiert und galt seitdem flächendeckend als praktisch authentisch.

Dabei musste man auch hier dennoch skeptisch bleiben: Ob das "Ladyland"- Überbleibsel "My Friend" es auf "First Rays Of The New Rising Sun" geschafft hätte, blieb fragwürdig. Dafür hatte Kramer sich entschlossen, "Pali Gap", "Bleeding Heart" und "Drifter's Escape" aussen vor zu lassen. Jimi's Notizen dazu waren wohl widersprüchlich und unvollständig. Manchen Songs hätte vielleicht auch ein Remix gut getan, denn einige Abmischungen waren etwas rauh und wirtken noch etwas wie Rough Mixes (Roh-Mixe). Schlussendlich war auch offen, welche neuen Songs, Spuren und Overdubs Hendrix im Überlebensfall noch zugespielt hätte. Hendrixologen debattierten über solche Themen mehr als vierzig Jahre lang letztlich ergebnislos. Eine grosse Ähnlichkeit mit dem projektierten Album musste man Kramer's Rekonstruktion dennoch zweifellos zugestehen. Abgesehen von der Authentizitätsfrage musste man auch erwähnen, dass Hendrix seinen Stil seit "Electric Ladyland" erneut geändert hatte: Zunächst hatte er die Experience zugunsten der Band of Gypsys aufgelöst, danach die New Experience mit den beiden Musikern Mitch Mitchell und Billy Cox zusammengestellt. Statt auf überlange Studioexperimente setzte er nun wieder verstärkt auf schnörkellos kompakte, funkige Songs. Das hätte sicher manche Fans des innovativ-experimentellen Vorgängeralbums enttäuscht.

An "First Rays Of The New Rising Sun" schlossen die Restsammlungen "South Saturn Delta", "Valleys Of Neptune", "People, Hell & Angels" und zwei Boxsets mit jeder Menge unveröffentlichtem Material an. Nahm man all das in den Gesamtblick, dann enthielt "First Rays Of The New Rising Sun" trotz aller Kritikpunkte und offener Fragen wohl das beste Studiomaterial, was der Fan jemals nach Hendrix Tod von ihm gehört hatte. Vom kitschigen Photoshop-Coverartwork durfte man sich allerdings nicht abschrecken lassen. Letztendlich konnte niemand sicher sagen, ob Hendrix' auf "Electric Ladyland" folgendes Studioalbum genau so ausgesehen hätte wie "First Rays Of The New Rising Sun". Aber es wäre der würdige Nachfolger gewesen und es zeigte gleichzeitig neue Richtungen in Hendrix' musikalischer Entwicklung auf. Im Frühjahr und Sommer 1970 arbeitete Hendrix wie besessen am Nachfolger von "Electric Ladyland". Müde, sich immer wieder auf Jukebox Niveau reduziert zu sehen, erschöpft von der erzwungenen Dauertournee, suchte Hendrix nach neuen musikalischen Perspektiven. Sein Hawaii Aufenthalt (und das magische "Pali Gap") waren Konsequenz dieser Suche. Etliche Ideen flossen daraufhin ein in die Studioarbeit. Aus den Notizen, die Hendrix immer wieder machte, ging hervor, dass es wegen der Fülle des aufgelaufenen Materials ein Doppelalbum werden sollte, dass es weniger Fetzer werden sollten und mehr Balladen, dass es autobiographische Züge haben würde, ja ihm schwebten Songs vor, die sich kritisch mit der gesellschaflichen Entwicklung in den USA auseinandersetzen sollten.

All dies war in "First Rays Of The New Rising Sun" erfüllt. Zwar gab es vor dem Release des Werks schon "Cry Of Love", auf diesem Album fanden sich schon viele der Titel, ganz zu schweigen von "Crash Landing" oder anderen nicht unbedingt autorisierten Veröffentlichungen. Aber nie war Jimi Hendrix so offen autobiograhisch wie hier, wenn man von "Voodoo Child" mal absah: "My Friend" und "Belly Button Window" waren autobiographische Kurzgeschichten von Hendrix über Hendrix. Mithin enthielt "First Rays Of The New Rising Sun" seine durchaus persönlichsten Songs. Kompositionstechnisch fanden sich hier einige seiner ausgereiftesten Stücke. Juwelen wie "Hey Baby", der Nachfolger von "Red House" oder "Earth Blues", seine Auseinandersetzung mit der in den USA herrschenden Diskriminierung der Schwarzen, einem Dauerthema, das bis heute leider nichts von seiner Aktualität verloren hat. Man kann davon ausgehen, dass Hendrix das Album "First Rays Of The New Rising Sun" so und genau so autorisiert hätte. Sein persönlichstes Album, vielleicht sein bestes Album, sein reifstes Album: sicher. Der Sound war klar, ausgewogen und transparent. Jimi Hendrix hätte mit diesem Doppelalbum vermutlich noch viele weitere Fans hinzugewonnen.



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