Apr 25, 2017


KEVIN AYERS, JOHN CALE, ENO, NICO - June 1, 1974
(Island Records ILPS 9291, 1974)

Nach der Veröffentlichung von Kevin Ayers' neuester LP "The Confessions Of Dr. Dream" sollte der Musiker und ehemalige Sänger von The Soft Machine eigentlich auf Promotions-Tour gehen. Stattdessen liess sich seine Plattenfirma Island Records etwas Originelles - aus heutiger Sicht aber eher Obskures - einfallen: Kevin Ayers sollte zusammen mit anderen Acts, welche bei Island Records unter Vertrag standen und wie Ayers soeben neue Werke herausgebracht hatten, zusammen in einem einmaligen gemeinsamen Event auftreten. Aus dieser Idee erwuchsen schliesslich drei gemeinsame Auftritte in London, Birmingham und Manchester, welche live mitgeschnitten und später als "June 1, 1974" veröffentlicht wurden. Mit von der Partie waren neben Kevin Ayers der ehemalige Roxy Music-Kopf Brian Eno, der soeben sein exzellentes Debutalbum "Here Come The Warm Jets" veröffentlicht hatte. Ausserdem der legendäre John Cale, auch er mit einem neuen Album mit dem Titel "No Fear" am Start, und schliesslich auch noch Cale's ehemalige Musikpartnerin bei Velvet Underground, Nico (Päffken), die ihr Album "The End" präsentierte.

Die Idee zu diesen drei gemeinsamen Auftritten kam durch den Umstand, dass alle beteiligten Musiker zwar über eine grandiose Reputation verfügten, in jenen Tagen jedoch eher nicht mehr allzu erfolgreich unterwegs waren. Eno hatte Roxy Music verlassen und musste sich erst als Solokünstler profilieren, John Cale dümpelte irgendwo zwischen Avantgarde, krudem Poprock und akustischen Experimenten hin und her, Nico war zwar noch in aller Munde, kämpfte aber ebenfalls mit ihrer sinkenden Popularität. Auch Kevin Ayers war zwar noch immer ein sehr erfolgreicher Künstler, jedoch sanken auch bei ihm kontinuierlich die Verkaufszahlen und die Plattenfirma erhoffte sich für alle beteiligten Musiker durch diese Aktion eine erhöhte Aufmerksamkeit. Die Idee an sich war ja eigentlich nicht schlecht, was eher unglücklich war: Alle Musiker assimilierten sich nicht, sondern spielten im Grunde bloss nebeneinander her. Da wäre ein gemeinsamer Jam sicherlich wesentlich interessanter gewesen. Aber nichts desto trotz geriet das Album "June 1, 1974" zu einem kunterbunten Reigen an überwiegend toller Musik: Eno zeigte sich schräg und engagiert, Kevin Ayers präsentierte wundervolle Live-Versionen einiger Lieder seiner letzten Alben, Nico wirkte unnahbar und geheimnisvoll wie immer, lediglich John Cale fiel qualitativ etwas ab, was aber nicht an ihm als Musiker lag, sondern eher an dem einzigen für dieses gemeinsame Album gewählten Song "Heartbreak Hotel", der mit Sicherheit nicht zu den stärksten Momenten seiner Karriere zählt.

Dass John Cale hier ausgerechnet mit einer Elvis Presley-Nummer verewigt wurde, kann man nicht unbedingt nachvollziehen, war doch der Fundus an genialen Cale-Songs damals schon recht üppig. Aber anyway, es ist nun mal so. Irgendwie wirkt der Titel auch heute noch fast wie ein Fremdkörper auf dieser ansonsten doch sehr ausgefallenen und ansprechenden Zusammenstellung. Eno, der ehemalige Roxy Music-Klangtüftler und Elektronik-Freak, steuerte zwei Songs bei: das irgendwie dramatisch-bedrohlich wirkende "Driving Me Backwards" und das verschrobene "Baby's On Fire". Die beiden Ttitel eröffneten dieses Album auch und setzten gleich zu Beginn eine äusserst verstörende Duftmarke. Beide Kompositionen wirkten äusserst schräg und waren auch nicht unbedingt das, was der Hörer am Anfang einer Konzertplatte erwarten würde. Mit den tollen Begleitmusikern zeigte Eno allerdings, wie sehr er noch immer im Rock verhaftet war. Spätere Werke zeigten dann schon bald einen elektronik-affinen Avantgardekünstler, der mit den gängigen Rock Schemata immer mehr brach. Bei "Driving Me Backwards" glänzte indes der ehemalige Patto-Gitarrist Ollie Halsall, der zu jener Zeit hauptberuflich bei Jon Hiseman's Tempest engagiert war, und beim Stück "Baby's On Fire" war das dramaturgisch ansprechend in Szene gesetzte Klavier von John Cale der Glanzpunkt.

Nico überraschte mit einer neunminütigen Performance am Harmonium und einer sehr düster wirkenden Coverversion des Doors-Klassikers "The End". Nico's soeben veröffentlichtes Werk trug denselben Titel, weshalb es durchaus logisch erschien, dass dieses Stück auch hier auf dieser Liveplatte verewigt wurde. Vielleicht ist diese Version insgesamt etwas zu lang geraten, denn auf Dauer wirkt die typische Nico-Theatralik hier etwas anstrengend, was bestimmt auch an dem sehr monotonen Spiel auf dem Harmonium geschuldet ist. Andere Musiker wurden hier nicht eingesetzt.

Die gesamte zweite Seite der LP war Kevin Ayers vorbehalten, und der zeigte sich hier von seiner besten Seite: Relaxed und gemütlich, trotzdem erhaben und sonor präsentierte der ehemalige Soft Machine-Sänger einige seiner besten Lieder in wirklich tollen Live-Performances. Auch seine Begleitband war vom allerfeinsten: Neben John Cale an der Viola glänzte auch hier vor allem wieder der Gitarrist Ollie Halsall, vielleicht einer der allerbesten, fast gänzlich unbekannt gebliebenen Gitarristen der 70er Jahre. Dazu gesellten sich hier John 'Rabbit' Bundrick an der Hammond Orgel, Archie Legget, der langjährige Bassist aus Kevin Ayers' Band, der Perkussionist Robert Wyatt (Soft Machine, Matching Mole und in jenen Tagen auch Mitspieler in Brian Eno's Begleitgruppe) und als ganz besondere Ueberraschung der junge Mike Oldfield, der gerade mit seinem Album "Tubular Bells" alle Rekorde brach. Er setzte mit seiner Sologitarre im Stück "Everybody's Sometime And Some People's All The Time Blues" das Glanzlicht der gesamten Platte. Kevin Ayers präsentierte wundervolle Versionen etwa seines zweisprachig (englisch und französisch) gesundenen "May I ?", seinem kleinen Hit "Stranger In Blue Suede Shoes" und "Standing In A Bucket Blues" - einem unverschämt sonnigen Westcoast-Stück, das einfach pure Freude ausstrahlte.

Man würde heutzutags bestimmt kein solches Album mehr herausbringen, zumal es insgesamt schon etwas wie loses Stückwerk erscheint, weil die Charakteren einfach zu verschieden waren. Allerdings wären diese Darbietungen, allen voran natürlich diejenigen von Kevin Ayers, viel zu gut gewesen, als dass sie in einem Archiv für immer und ewig weggestaubt wären. So blieb dieses aussergewöhnliche Live-Abenteuer zumindest partiell erhalten, was im Falle der Performance von Kevin Ayers ganz bestimmt ein grosses Plus bedeutet, denn in dieser Konstellation konnte man Kevin Ayers' Musik danach nicht mehr live erfahren. Hinter dem unscheinbaren Namen The Soporifics, welche Kevin Ayers hier zusätzlich begleiteten, versteckten sich dann noch als besondere Ueberraschung der Small Faces-Bassist Rick Wills, der May Blitz Schlagzeuger Tony Newman und der legendäre Keyboarder Zoot Money (Centipede, Dantalian's Chariot, Eric Burdon & The Animals).

"June 1, 1974" ist ein richtig gutes Live-Album, weil es sehr abwechslungsreich klingt, aber es ist auch ein quasi 'zerrissenes' Album, denn es zeigt nur wenige Momente einer gemeinsamen, drei Auftritte umfassenden Promo-Tour, die vor allem Kevin Ayers pushen konnte (und wollte ?). Man gewinnt beim anhören auf jeden Fall ein bisschen den Eindruck, die Verantwortlichen von Island Records hätten hier so etwas wie ein 'Kevin Ayers & Friends'-Projekt lanciert gehabt. Trotzdem: Für Fans der beteiligten Musiker Eno, Nico, John Cale und insbesondere Kevin Ayers dürfte dieses Album damals ein absolutes Muss gewesen sein. Es ist auch erstaunlich, wie sehr diese Aufnahmen dem Zahn der Zeit widerstanden haben. Jedenfalls lassen sie sich auch heute noch problemlos anhören und machen ziemlich grossen Spass. Gerade auch, wenn man weiss, was für musikalische Wege die Beteiligten teilweise noch gegangen sind nach 1974, insbesondere der kreative Brian Eno. Fabelhaft sind aber auf jeden Fall alle Stücke von Kevin Ayers. Sie gehören für mich zum besten, was man bis heute von dem Musiker als Live-Dokument nachhören kann.




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